Der Soundtrack eines Lebens - AC/DC-Fan Tomas Krogh

Kiel – „Anfang der 1980er gab es bei den Jungs in der Schule nur die zwei Optionen: entweder AC/DC oder Kiss.“ Tomas Krogh aus Kiel entschied sich für die australische Rockband AC/DC. Eine Entscheidung, die sein Leben fortan stark prägen wird. Denn Krogh frönt einer Sammelleidenschaft ohne Rücksicht auf Kosten oder Mühen. Er verkörpert extremes Fantum, indem er seine eigene Biographie beinahe unverzerrt im Spiegel einer Bandhistorie sieht.

Der Startschuss fällt mit 12 Jahren. Zeltlager in Falckenstein mit Kinderdisco. Gespielt werden die damaligen Hits der Neuen Deutschen Welle, aber auch Kiss und AC/DC mit den Songs „Highway To Hell” und „TNT”. Tomas Krogh findet Gefallen, kauft sich die Singles vom Taschengeld. Dann die Nachricht: AC/DC kommen nach Kiel! Der Vater schlägt einen Konzertbesuch vor. Sohn Tomas ist hellauf begeistert, doch die Mutter legt ein Veto ein: „Nix da. Das ist doch Hottentottenmusik.“ Nun greifen Vater und Sohn in die Trickkiste, täuschen einen Schwimmbadbesuch vor, um an dem Abend doch das Haus verlassen zu können. „Wir sind mit Badehose und Handtuch zur Ostseehalle, und haben anschließend alles unter den Wasserhahn gehalten“, erinnert sich der 39-Jährige. Bald darauf schafft sich Tomas das Album „Back In Black“ an, tapeziert das Kinderzimmer mit Band-Postern aus der „Bravo“. Die Sammelleidenschaft nimmt ihren Lauf.

Erste Zeitungsmeldungen über die Existenz der Gruppe AC/DC existieren vom 27. Juli 1974, die Debüt-Single trägt den Namen „Can I Sit Next To You Girl?“. Beim Konzert in der Ostseehalle übernimmt mit Brian Johnson bereits der dritte Sänger den Part als Frontmann, nachdem Vorgänger Bon Scott im Februar 1980 an den Folgen übermäßigen Alkoholkonsums verstarb. Doch die bis heute anhaltende Popularität der Australier ist nicht zu stoppen, zusätzlich entfacht und besiegelt durch den Headliner-Status beim Monsters Of Rock-Festival 1984. Krogh verfolgt alle Konzerttermine, lernt weltweit Gleichgesinnte im Fanmagazin „Daily Dirt” kennen, „die genau so drauf sind wie ich“. Auf den Oberarm lässt er sich ein „Bon”-Tattoo stechen, baut sich als Jugendlicher sogar einen AC/DC-Altar. Mittlerweile sieht es in der Wohnung gemäßigter aus – nur das Arbeitszimmer wirkt wie ein akribisch sortiertes Museum mit Band-Devotionalien.

Was fasziniert ihn an der Band? Neben der frühen Sozialisation seien es vor allem das sympathische Verhalten der Musiker gegenüber den Fans und die Live-Shows - obwohl die Songreihenfolge und Performance auf der Bühne jeweils nur geringfügig voneinander abweiche. Und selbst der Tinnitus, den er von der 1996er-Tour mit 16 Konzerten in der ersten Reihe mitbrachte, mitten in der Prüfungsphase fürs Studium, stört ihn nicht besonders. „Ich weiß, das kommt von AC/DC, dann ist das schon in Ordnung“ - da muss auch Krogh schmunzeln. 1991 mietete er schließlich gemeinsam mit 80 Hardcore-Fans einen Bus ins britische Donington, um der Band auf ihrer Tournee hinterher zu reisen. Dort stellt er den Kontakt zum Engländer Carl her, der bis dahin 95 Konzerte am Stück verfolgt hatte. Zu zweit geht es mit einem VW Käfer weiter bis nach Lissabon. „Immer umsonst rein in die Halle, oft backstage, zum Beispiel an meinem 28. Geburtstag in Lyon oder in Madrid nachts im Hotel mit den Jungs. Ein Traum, der wahr geworden war.“

Wie steht seine Frau zu dem extremen Hobby? Schulterzucken. „Die hat mich ja so kennen gelernt.“ Bezeichnenderweise ging die Hochzeitsreise im Jahr 2000 nach Australien. Dort trafen sie – nicht ganz zufällig – auf Mark Evans (Bassist von 1975-77) und Sänger Dave Evans aus der Phase vor Bon Scott. Der einzige Soundtrack der Flitterwochen: AC/DC, „Powerage“ von 1978, Kroghs Lieblingsplatte.

400 Singles nennt der Sammler sein Eigen, das „Highway To Hell“-Vinyl sogar in 20 verschiedenen Pressungen; und das angebliche Unikat eines Bootlegs, also ein Live-Mitschnitt, in gelbem Vinyl. Gehört wird die rockige Musik allerdings nur von CD, um die Platten zu schonen. Bei ebay werden zudem alle Lücken in Form von Bootlegs, Postern, Zeitschriften oder sonstigen Merchandise-Waren nach und nach geschlossen. Begehrt bei den Connaisseuren sind lokale Zeitungsberichte aus den ersten zwei Jahren Bandgeschichte, Meisterstück vor allem die erste Single mit einem Marktwert von 500 bis 600 Euro. Interessant für den lokalen Markt dürfte dagegen ein Kiel-Bootleg vom Auftritt am 13. April 1991 in der Ostseehalle sein. Der drastisch-bildhafte Titel: „Bombs Over Fishheads“.

Es gibt auch unregelmäßige Fantreffen, vor allem wenn AC/DC-Coverbands auf Tour sind, aber der Hauptkontakt erfolgt übers Internet. Tomas Krogh nutzte seine beruflichen Kompetenzen als Software-Entwickler für den Aufbau der Datenbank www.my-acdc.net. Er investierte 5000 Stunden, um Fans die Möglichkeit zu geben, ihre private Sammlung auf diesem Portal online zu verwalten. Man könne die Artikel raussuchen, die man besäße und als „in meiner Sammlung“ vermerken.

Ohnehin beschränkt sich das Fan-Dasein seit einiger Zeit auf passive Ausübung. Denn keiner weiß, ob und wie es mit der Band weitergeht. Das letzte Konzert ging 2003 über die Bühne, seitdem fährt Krogh zum Wacken-Festival, wegen Iron Maiden, Accept oder Slayer. Gerüchte sprechen zwar von neuen Songs, die Brian Johnson geschrieben und auch in kleinen amerikanischen Clubs inkognito präsentiert haben soll, aber richtige AC/DC-Songs? Tomas Krogh wäre auf jeden Fall dabei – an jedem Ort der Welt. Von Henrik Drüner

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