SHMF: Alexis Weissenberg spielte Beethoven und Liszt in der Petruskirche


Pianistische Leidenschaft par excellence


"Der 1. Satz ist wohl mein Passioniertestes, was ich je gemacht habe - eine tiefe Klage um Dich" hatte Robert Schumann über seine Fantasie geschrieben. Er wollte seiner Entsagung von der geliebten Clara Wieck im Sommer 1836 Ausdruck verleihen und so seine emotionale Erregung musikalisch verarbeiten.

Die dramatische Spannung dieses zentralen Erlebnisses trug der Klaviervirtuose Alexis Weissenberg im Rahmen des Schleswig-Holstein-Musik-Festivals in der Kieler Petruskirche hinüber in die heutige Zeit, und die zahlreich erschienenden Zuhörer konnten sich ein Bild seines imposanten spielerischen Ausdrucksvermögens machen. Die hektisch- anregende Grundstimmung, die besonders im ersten und zweiten Satz die Fantasie durchzieht, gab Weissenberg mit der geforderten Leidenschaft - allerdings auch im Gebrauch des rechten Pedals - wider und seine aufbrausende Verve und Expressivität zogen das Auditorium in ihren Bann. Der dritte Satz erscheint sowohl von der Klangfarbe als auch von der Harmonik her leicht und energiegeladen.

Fast federnd wird die geradezu orchestrale Klangfülle und Polyphonie dieser Fantasie durch euphorische Akkordverbindungen und auffällige Basstonvorschläge realisiert sowie verwandtes Themenmaterial mit prägnanten Dynamiksprüngen verarbeitet. Franz Liszt ist die Fantasie gewidmet, der als einer der ersten Schumanns Bedeutung und Eigenart erkannte und ihn mit Wort und Tat unterstützte. Die Zuhörerschaft honorierte die vorzügliche Wiedergabe des Werkes mit lang anhaltendem Beifall, die Weissenberg vor der Pause noch dazu bewegte, Schumanns "Träumerei" aus den Kinderszenen, op.15, als Zugabe darzubieten.
Nach der Pause wurde das Programm mit der Sonate in h- Moll von Franz Liszt fortgesetzt. Schon der Beginn des Schumann gewidmeten Werkes scheint tonal kaum fixierbar, da die Haupttonart h- Moll nirgends anklingt. Das energisch losbrechende Allegro energico exponiert zwei Themen und im Grandioso erscheint das dritte, das geradezu pompös zu repetierenden Akkorden schreitet.

Auf dem Höhepunkt kurz vor Schluß beweist Weissenberg eindrucksvoll seine pianistische Ausdruckskraft, indem er die gefürchteten Prestissimo- Doppeloktaven mit bestechender Brillianz dem aufmerksamen Publikum in die Gehörgänge hämmerte. So wurde das Programm dieses vortrefflichen Klavierabends fulminant beendet. Weissenberg wurde jedoch nicht eher verabschiedet, bevor er nicht mit weiteren Zugaben dieses Konzert stimmungsvoll ausklingen ließ. Henrik Drüner