Allophonic: Alles andere als ein eintöniger Eintopf

Kiel – Immer wieder das gleiche auf dem Speiseplan: Suppe. Tagein, tagaus. Warum sollte das Mensaessen am Prins-Claus-Conservatorium im niederländischen Groningen vielfältiger sein als anderswo? Die Musiker von Allophonic, die dort Jazz studierten, tauften ihr Debütalbum als Reminiszenz an die eintönige Hauptmahlzeit "Soup du Jour". Auch deshalb, weil es ihr Bandkonzept treffend wiedergibt.

Eine Suppenschüssel, in der sich die kompositorischen Ideen jedes einzelnen Bandmitglieds sammeln. So will es zumindest Sängerin Anne Tetsch verstanden wissen: „Jeder gibt etwas hinein, und keiner weiß, ob das Ergebnis gut schmeckt oder zu salzig ist.“ Das Konzert im gut besuchten Blauen Engel spiegelt das Freiheitsstreben, auf der Basis profunder Technik die starren Grenzen von traditionellem Jazz zu sprengen. Dynamische Breakbeats wechseln sich ab mit federleichten Ambient-Klängen und kopfnickenden Funk-Passagen, wobei die jazzigen Wurzeln immer präsent bleiben.

"R We U" bedient gleich zum Einstieg die Elemente des NuJazz-Genres. Drummer Andi Bauer sorgt für furztrockene, beinahe zickige Beats mit abrupten Stopps, Steven Paul setzt sein schwelgendes Saxofon über den Keyboard-Teppich von Johannes Arzberger, während Pat Speece' flinker Bass erdet. Anne Tetsch verzieht die Miene im Scat-Freistil und sieht dabei aus, als schmolle sie. Doch die ohnehin nicht kräftige Stimme thront nicht über den Instrumenten. Umso gewaltiger die Metamorphose bei "Never Let It Go", als die Band sich zurückhält und Tetsch ihr Timbre voll auskosten kann. Wunderschön!

Vielen Stücken liegen ungerade Metren zugrunde, die im Refrain im Stile einer Pop-Katharsis aufgelöst werden, stellvertretend bei "Derp De Derp". Solche Beats werden bei einem Großteil der NuJazz-Veröffentlichungen per Mausklick an die richtige Stelle geschoben, hier werden sie live, sprich: lebendig, produziert. "Winter Feelings" lässt Erinnerungen an Micatone und Sängerin Lisa Bassenge wach werden, die 2001 mit Ninesongs eine Blaupause schufen. "Evolution" rechtfertigt den Portishead-Vergleich, ein Cover von Soulive ("Tuesday Night Squad") untermauert die spielerische Klasse. Auch Anne Tetsch lacht nun über versehentliche Ansagen auf Englisch und überzeugt mit bewusst kindlichem Charme, wenn sie flüstert: „I just wanna go out and play“. Das ist es: Rausgehen und spielen – als Kind wie auch als Musiker.

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