Anne Clark in der Traum GmbH

Spagat zwischen den Extremen

 

Kiel – In den 1980er Jahren leistete Anne Clark mit Songs wie „Sleeper In Metropolis“ und „Our Darkness“ Pionierarbeit für die Wave-Szene. Ihr Markenzeichen: Der eigentümliche Sprechgesang, der seinesgleichen in der Popwelt sucht und der blonden Londonerin eine treue Fangemeinde beschert. Mittlerweile kommt auch die Vorliebe für Folk, Klassik und Poesie in ihren Songs zum Tragen. So auch beim Konzert in der fast ausverkauften Traum GmbH, wo sich der Spagat zwischen den Extremen besonders drastisch offenbart.

Das Comeback nach über zehn Jahren Sendepause verdeutlicht ihr Ziel, elektronische Musik und akustische Elemente zu fusionieren. Ohne Kompromisse, aber offen für kreative und emotionale Denkansätze konfrontiert das neue Material den Zuhörer mit Anne Clarks musikalischer Eigenständigkeit. Für viele ist sie weiterhin die „Queen of Darkwave“, doch das neue Studioalbum „The Smallest Acts Of Kindness“ wagt den Seitensprung vom klassischen Synthpop. Dem wohlwollenden Publikum, größtenteils mit Clark in die Jahre gekommen, steht jedoch eine Frage ins Gesicht geschrieben: Wann kommt endlich „Our Darkness“?

Mit eingestreuten Gedichtrezitationen zu Weltraumsounds festigt Clark – optisch eine Mischung aus Hanne Haller und Gitte Haenning – ihre unbestrittene Individualität. Denn die 48-Jährige singt nicht, sondern trägt die meist sehr poetischen Songtexte vielmehr rhythmisch gesprochen vor. Wie scharfe Salven schießt sie die Silben ins Mikro, wenn sie Unzulänglichkeiten des Menschseins und sonstige globale Missstände thematisiert. Besonders den frühen Arbeiten verleiht dies eine schwermütige Substanz, die sowohl im Deutschen als auch im Englischen als „Weltschmerz“ bezeichnet wird.

Ihre Live-Band ist ein Verbund aus technisch absolut versierten Instrumentalisten: Gitarrist Jeff Aug, der sich mit seinen Posen für den ZDF-Fernsehgarten empfiehlt, Schlagzeuger Niko Lai, Wirbelwind Murat Parlak an den Tasten, Jann Michael Engel am E-Cello und schließlich Rainer von Vielen, der für Soundeffekte sorgt, das Akkordeon bedient und zudem als Human-Beat-Box glänzt.

In längeren Passagen mit aktuellem Material dominiert fragiler Schwebepop. Feinfühliges Piano, schmachtendes E-Cello, gehauchter Sprechgesang bei „The Hardest Heart“ oder „As Soon As I Get Home“. Unheimlich schön und so unheimlich öde, dass die Füße drohen, einzuschlafen. „Sleeper In Metropolis“ reißt die Menge aus dem Wachkoma, ein einziges Thema nährt den Charme des Monotonen. Man tanzt zum Soundtrack der eigenen Vergangenheit. Und wann kommt „Our Darkness“?

Rainer von Vielen schenkt den Pausentee ein. Sonst immer geschmackvoll, mag hier und heute das menschliche Didgeridoo oder der Kehlgesang, der an tibetische Mönche erinnert, nicht so gut ins Programm passen. Aber ein roter Faden ist ohnehin nicht auszumachen – zu ungeschützt prallen die heterogenen Stile aufeinander. Mit „Full Moon“ nimmt das Konzert wieder Fahrt auf, bevor im dritten Zugabeblock endlich das heiß ersehnte „Our Darkness“ erklingt. Immer noch eine technoide Wucht von einem Song, eingeleitet durch die düster-melancholischen Worte „Through these city nightmares you’d walk with me / And we’d talk of it with idealistic assurance / That it wouldn’t tear us apart”. Anne Clark, Dar(k)ling der Wave-Szene, hat sich weiterentwickelt. Es sei ihr von Herzen gegönnt.