BAP in der Halle400: Weder der Band noch dem einzigen Urmitglied Wolfgang Niedecken merkte man die Jahre an

Musik und Leben unter der Zeitglocke

 

Kiel - Okay, Wolfgang Niedecken ist doch kein Berufsjugendlicher. Behauptet er zumindest am Ende des Konzerts, bevor er und die Band sich mit "Für immer jung" vom begeisterten Publikum verabschieden. Obwohl: Mit dem schwarzen Cap und dem CBGB-Shirt des New Yorker Punk-Clubs könnte der BAP-Sänger und einzig Verbliebene der Urbesetzung glatt 20 Jahre jünger durchgehen.

BAP. Drei Buchstaben, drei Stunden Konzert mit 30 Songs aus 30 Jahren Bandbiografie. Sich über einen so langen Zeitraum im Deutsch-Rock zu positionieren und zu etablieren, ist harte Arbeit. Womöglich erinnert daher die BAP-Attitüde in der randvollen Halle400 an den Arbeiter-Rock eines Bruce Springsteen. Nicht von ungefähr verbindet die beiden Musiker eine innige Männerfreundschaft.

Und bei beiden erreicht das in ihren Alben eingelöste Authentizitätsversprechen weiterhin die Herzen der Mitgealterten, im Fall der Kölner das aktuelle "Radio Pandora". Wenn Niedecken dann noch enthusiastisch vom 28. August 1982 erzählt, als er gemeinsam mit Rory Gallagher und Eric Burdon auf der Loreley-Freilichtbühne jammen durfte, dann geht dem Publikum jenes Herz auf. Den Damen vor Rührung, den Herren vor Nostalgie.

Ihre Songs, so Niedecken, seien eine Reise durch die Träume. Nicht immer wird ganz klar, worüber sie in diesen Träumen singen, denn bei dem merkwürdigen Stadtdialekt Kölsch versteht der normal sozialisierte Norddeutsche nur Bruchstücke der Liedtexte. Aber es wirkt wie bei einem Flamenco-Konzert - auch hier kommt die Botschaft zwischen den Zeilen irgendwie an. Und die Zahl der Wort für Wort Mitsingenden spricht für etliche rheinische Frohnaturen im Kieler Exil.

Dabei sind die Themen nicht immer erfreulich: "Noh Gulu" vertont die desillusionierenden Erlebnisse eines Ruandabesuchs. Und auch "Diego Paz wohr nüngzehn" verdeutlicht, warum sich BAP seitdem tatkräftig für die Reintegration von Kindersoldaten engagieren. Bei "Rita" besingt Niedecken eine vergangene Komplizin, Mätresse und Magierin, während "Ne schöne Jrooß" oder "Nemm mich met" es richtiggehend rocken lassen.

Die musikalische Umsetzung erfolgt in den obligatorischen Abstufungen: Bass (Werner Kopal) und Schlagzeug (Jürgen Zöller) agieren unauffällig solide, Gitarrist Helmut Krumminga und Keyboarder Michael Nass dürfen vereinzelt Akzente setzen, während Anne de Wolff als Bühnengast an Geige und Mikrofon für den Country/Folk-Einschlag sorgt. Charismatisches Zentrum der Band aber bildet Wolfgang Niedecken. Als er solo mit Gitarre und Mundharmonika "Für ne Moment" anstimmt, weiß man, warum er sich einst als „Bob Dylan der Südstadt“ einen Namen machte. Nach zwei Stunden heißt es: „Thank you, good night“, 60 Minuten vor Schluss.

Eine Jack-Kerouac-Passage aus "On The Road", gelesen von Christian Brückner, der unverwechselbaren Synchronstimme Robert de Niros, läutet den Zugabenblock mit "Wat für e' Booch!" ein. Das romantische Liebeslied "Du kanns zaubre" wird für die besonders romantisch geltenden Kieler angestimmt, bevor Handys, Feuerzeuge und Wunderkerzen die Halle400 bei "Helfe" illuminieren und "Verdamp lang her" schließlich Hitgelüste stillt.

KN-Online