Müde Hochkaräter am Turntable


Wenn hochkarätige Diskjockeys ihrer Berufung und Leidenschaft nachgehen, dann verheißt dies beste Unterhaltung und musikalischen Hochgenuss für das Publikum. Bigga Bush und The Strike Boys gehören definitiv dazu, hinterließen im Luna jedoch einen divergenten Eindruck. Die im Vorfeld angekündigte Kampfansage an alle Sessel-Chiller wurde in dieser Nacht tönende Wirklichkeit - wenn auch erst nach einer gewissen Anlaufzeit.

Viele Faktoren beeinflussen den Fortgang einer Clubnacht, darunter auch die Einstellung des Protagonisten zu seiner Tätigkeit. Muss ein professioneller DJ an einem schlechten Tag trotzdem Begeisterung versprühen und die Tanzenden bestmöglichst bei Laune halten? Bevor Glyn "Bigga" Bush gegen 1.30 Uhr sein Set begann, hatten die lokalen Kräfte (Jaime, Bright und Cai-Chi) ihren Teil dazu beigetragen, dass die "Spring Tour" vom Stereo Deluxe-Label gut aus den Startblöcken kommt. Der Andrang hielt sich bis dahin - wie so oft - in Grenzen, und auch die anfänglichen Reggae- und Dubsounds von Bigga Bush lockten nur wenige Tänzer auf die Fläche.

Mit stoischem Gesichtsausdruck wechselte das ehemalige Rockers HiFi-Mitglied die Platten und schien lange Zeit schwanken. Statt gradliniger 4/4-Takt-Reiterei und vorhersehbarer Songstrukturen brachte Bigga Bush oft vertrackte Rhythmen in seinen Ablauf, fügte eigenes Material hinzu und mischte die Stile von BigBeat bis zu Brazil mit reichlich Percussion-Alarm.

Tommy Yamaha, eine Hälfte der Strike Boys und an diesem Abend stellvertretend, erkannte die Lage und forcierte anschließend Tempo und Intensität: keine Experimente, sondern Zuarbeiten im besten Sinne. Das immer zahlreicher werdende Partyvolk (um 3 Uhr) honorierte den frischen Kick und ließ sich vom Puls der Beats leiten.

Derweil blitzte es wie beim entscheidenden Elfmeter eines Fußball-WM-Finales: Digital-Kameras, wohin das Auge schaute. Waren es bisher nur die Stadtblatt-Abgesandten, die ihrem Auftrag nachgingen, scheint es mittlerweile üblich, sämtliche Mitmenschen mit unnachgiebiger Motivwahl zu nerven. Willkommen im dritten Jahrtausend! Doch dem hedonistischen Treiben unter der Leitung von Tommy Yamaha tat dies keinen Abbruch: Selbst Glyn Bush tanzte das komplette Set über zu den erlesenen Tracks seines engagierten Kollegen - ein bezeichnender Umstand für den Unterschied zwischen den beiden in dieser langen Luna-Nacht. Von Henrik Drüner


Aus den Kieler Nachrichten vom 22.03.2004