Bizarre-Festival - Ein Nachbericht

 

Ein Abschied schmerzt immer, auch wenn man sich schon lange darauf freut. Wußte schon Arthur Schnitzler. Passt auch gut zur diesjährigen Bizarre-Location. Nach sechs Jahren am Butzweiler Hof in Köln ist jetzt ein ehemaliger Militärflughafen bei Weeze Austragungsstätte "ausgesuchter Alternativ-Kultur". So tummeln sich im August inmitten von kilometerlangen Rollfeldern, Flugzeughangars und Stacheldrahtzäunen 30.000 musikbegeisterte Partysanen, um an drei Tagen und Nächten rund 80 Bands, Acts und DJ-Formationen abzufeiern. Die auf den ersten Blick befremdliche, weil militärische Stimmung weicht jedoch schnell der Einsicht, daß hier ein bestens geeignetes Gelände für ein Musikfestival diesen Ausmaßes gefunden wurde. Ein Rockkonzert im Flugzeughangar - wahrlich ein Symbol pazifistischer Abrüstung!

Die angenehmen Privilegien eines VIP-Passes sollten nicht verkannt werden. Als ungemein wichtiger Pressevertreter bekommt man seinen eigenen Parkplatz, eigenen Bierstand, eigene Dixis. Very important person. So richtig wichtig. Von oben auf die große Masse herabblicken, immer mit der gewissen Portion Arroganz und dem neongelben Armband ausgestattet. Bei Kolleginnen Bussi hier, Bussi da, man kennt sich ja. Die Männer sind im Gegensatz dazu eher nonchalant. Musik wird aber auch gespielt, und zwar auf mindestens drei Bühnen gleichzeitig. Da treten zuweilen Organisationsengpässe auf (Schaff ich noch den Anfang von der Main Stage oder soll ich doch 15.45 zur Session Bühne, wegen Fußweg an der Fat Stage vorbei und Treffen mit xy an der dritten Bude?).

Am besten gefallen am ersten Tag Muse (rockige Newcomer des letzten Jahres mit ruhigen Passagen), Beck (wie immer grandiose Live-Show und Entertainer), Moloko (Sängerin Roisin Murphy strahlt so einen coolen Sexappeal aus...wow!), Moby (beeindruckende Energieleistung von Richard Hall; leider kopierte Ansagen vom Hurricane-Festivals) und die Headliner Underworld (zwei Typen: einer bedient die Rechner und Regler, der andere singt dann und wann unverständliches Zeugs ins Mikro; aber es geht nach vorne, und wie! Für Auge und Bein ein Genuß). Nachts wird weitergetanzt zum DJ-Set des französischen Techno-Innovators Laurent Garnier. Der Körper übernimmt langsam die Kontrolle über den Kopf, Bewegungen wie in Trance. Morgens Handynummer von Tamara in der Jackentasche gefunden (Tamara?). Apropos Handys: der gemeine Festivalbesucher ist mobil erreichbar, in jeder Situation. Auch wenn Mutti beim Punkkonzert anruft. Auftretendes Verhalten dabei ist der zur Bühne gewandte Rücken, Zeigefinger im freien Ohr, irritierter Blick und Augenbrauen hochgezogen angesichts der verständlichen Kommunikationsprobleme.

Musikalisch überzeugen am zweiten Tag Mr. Bungle (mit dem unvergleichlichen Mike Patton, Ex-Faith No More), Deftones und Foo Fighters (wie gewohnt rockige Breitseite mit verstärktem Hitpotenzial) sowie am Abend Limp Bizkit (typisch amerikanische Darbietung mit Pyro, Lamettaregen, Crowdsurfen; also das ganze Programm! Das Musikmagazin VISIONS titelt zurecht "Helden oder Hassfiguren?") Später fängt es dermaßen an zu schütten, daß das Electronic Camp wegen Einsturzgefahr der Bühnenüberdachung abgebrochen werden muß und etliche Zelte ihren Anker bzw. Heringe lichten und davonschwimmen. Egal, muß man durch. Katja und Anika aus Kiel haben trotz der widrigen Umstände sichtlich Spaß.

Am letzten Tag wird auf der Hauptbühne noch einmal überwiegend das Rockzepter geschwungen (A, Clawfinger, Rollins Band, Therapy?, Suicidal Tendencies). St. Germain spielen leider zur falschen Zeit (14 Uhr) am falschen Ort (Hauptbühne, Rockfestival). Ansonsten wirkt die Mixtur aus House, Jazz, Soul und Latin sehr erfrischend im gitarrenlastigen Einerlei. Ähnlich deplaziert die Absoluten Beginner, die zwischen Rollins und Therapy? ranmüssen, dabei aber den unterhaltsamsten Auftritt des gesamten Festivals abliefern. Damit ihr deutscher HipHop nicht völlig auf Ablehnung stößt, haben sich die Hamburger MCs in Wacken ´84 (Metalfestival bei Itzehoe) umbenannt, schnallen sich Gitarren um und machen mit Perücke, Lederkluft und Cowbowstiefeln auf böse Jungs. Übertreibung macht anschaulich und kommt in diesem Fall beim neutralen Publikum super an. Hoher Spaßfaktor!

Petrus läßt sich daraufhin allerdings nicht lumpen, seine Lachtränen über dem Militärgelände zu verteilen, so daß besonders vor der Hauptbühne bei den Konzerten von Therapy? und Suicidal Tendencies chaotische Zustände herrschen. Mindestens knöcheltiefe Seenplatten werden zu Planschbecken umfunktioniert, das obligatorische Schlammwerfen darf auch nicht fehlen. Alle noch halbwegs nüchternen Besucher machen sich deshalb auf den Heimweg und lassen ST und die ganz hartgesottenen Fans bei ihrem einzigen Deutschlandkonzert im Regen stehen. Ein getrübtes Ende eines ansonsten optimal organisierten und musikalisch höchst ansprechenden Festivals, das sich auf dem neuen Gelände sicher etablieren wird.