Blonde Redhead: Kein Zahlen-Hokuspokus



Um gleich vorab die Interpretationsblase platzen zu lassen: Der Albumtitel zielt nicht wie in dem gleichnamigen Film von Regisseur Hans-Christian Schmid oder dem aktuellen Paranoia-Thriller “The Number 23” auf die Zahlenmystik ab: kein Illuminatenorden, keine Verschwörungstheorien. Blonde Redheads fünftes Album “23” bezeichnet schlicht und ergreifend die Apartmentnummer von Kazu Makino, Sängerin und Gitarristin der New Yorker Band.

Mysteriös ist alleine die Tatsache, wie das Trio es schafft, die stilistische Vielfalt ein weiteres Mal zu erweitern, ohne seine Unverwechselbarkeit einzubüßen. Bereits der Vorgänger “Misery Is A Butterfly” zeigte sich facettenreich, doch diesmal nehmen Makino sowie die Zwillinge Amedeo (Gitarre, Gesang) und Simone Pace (Schlagzeug) Abschied von Melancholie und Wehmut. Die Einflüsse von Sonic Youth oder Fugazi, die ihnen von Journalistenseite oftmals untergejubelt wurden, beruhen dabei eher auf Freundschaftsverhältnissen (Guy Picciotto von Fugazi produzierte sie früher) bzw. Labelverbindung (ihr Debüt erschien auf dem Smells-Like-Records-Label von SY-Mitglied Steve Shelley). “Das ist schon Pop, aber nicht für jedermann”, beschreibt es die zierliche Japanerin mit der anrührenden Sopranstimme. “Wir versuchen zwar, Mainstream zu sein, aber dann kommt immer etwas völlig anderes dabei heraus. Zumindest wollten wir nie Avantgarde oder Underground sein.”

Das Debüt, auf dem noch die aggressive Dringlichkeit kratzbürstigen Indietums vorherrschte, liegt mittlerweile zehn Jahre zurück. An diese Stelle treten nun frische Songwriting-Energie und eine von Produzent Chris Coady (Yeah Yeah Yeahs, TV On The Radio) konservierte bittersüße Stimmung, die sich durch das gesamte Album zieht. Textauszug der Ballade “Silently”: “Silently, I wish to sail into your port, I am your sailor / Quietly, I drop my weight into your sea, I drop my anchor / I sway in your waves, I sing in your sleep / I stay till I’m in your life.” Amedeo: “Je nachdem, wer von uns beiden den Gesangspart übernimmt, haben die Songs eine unterschiedliche Charakteristik.

Wer singt, entscheidet sich erst im Verlauf, wenn wir merken, mit wem es mehr Sinn macht. Jeder von uns steckt zwar seine individuelle Persönlichkeit hinein, aber letztendlich kommt alles von uns gemeinsam.” Das rotierende Besetzungskarussell am Bass wurde gestoppt, sodass Blonde Redhead mittlerweile ganz ohne auskommen. Live wünschen sie sich zwar manchmal mehr Leute, aber ein Trio ist nun mal billiger und ja auch “wirklich klasse”, da simpel. Probleme gab es lediglich in Japan mit dem Coverartwork: einer vierbeinigen Tennisspielerin. Kazu erzählt lachend: “Vier steht dort für eine Bestie, also musste noch ein fünftes hinzu. Wenn sie fünf Beine glücklicher machen, dann soll es so sein."

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