Spaßterroristen, politisch unkorrekt


Nichts für zarte Gemüter: Blowfly alias Clarence Reid erfand in den 70ern den „Ab 18“-Rap und fröhnt ihm mit 62 immer noch ungebrochen.


Kiel – Wie Spaßterroristen vom Mars stürmen die fünf Musiker aus Miami die Bühne, mit Perücken, Strumpfmasken und ähnlichen Accessoires. DJ Frane (Keyboard), MJ (Bass) und Chris Rey (Gitarre) könnten die Söhne des Protagonisten sein, der einen silbrigen Superman-Umhang mit den Initialen „BF“ auf der Brust trägt, dazu eine blau glitzernde Maske mit Sehschlitzen. Clarence Reid alias Blowfly – seinen Künstlernamen bekam er einst von der Großmutter, die seinen „Do the Twist“-Kindergesang als „Suck My Dick“ missverstand und ihn tadelte: „Du bist ja garstiger als eine Schmeißfliege (blowfly) – ist mittlerweile etwas ungelenk und hüftsteif geworden. Die Bühnenstufe in der Schaubude, geschätzte 30 Zentimeter, bereitet dem 62-Jährigen beim Abgang nach einer knappen Stunde schon Probleme.

Aber die Zunge macht noch alles mit – und sorgt für ein Novum: Das Konzert bietet eines der raren Events, nach denen keine einzige Textzeile abdruckreif zitiert werden kann. Im Sinne der „political correctness“. Doch allein Blowflys Songtitel geben alles inhaltlich Wissenswerte preis: "Destructo Cock", "Fucked With A Dildo", "Keep Her Penetrated" oder "That's What Your Pussy's Made For".

Mit Oldschool-Funk vertont Blowfly seine über Jahrzehnte gesammelten Zoten, treiben Bass und Schlagzeug die Songs mit urwüchsigem Groove nach vorne. "Rap Dirty", Blowflys erster Hit von 1965, könnte auch 20 Jahre später entstanden sein, als Kurtis Blow oder die Sugarhill Gang in die HipHop-Oldschool gingen. Blowfly ist der "Hole Man", musikalisch adaptiert von Sam & Daves Soul Man, bei ihm wird aus Dead Kennedys "Holiday in Cambodia" ein despektierliches "R. Kelly in Cambodia", aus Clashs "Should I Stay Or Should I Go" ein "Should I Fuck That Big Fat Ho". Alles nur Cover-Versionen? Nicht im Geringsten, zumindest nicht in dem Sinne, wie man es von Top40-Bands gewohnt ist.

Blowflys raue Stimme scheint aus sämtlichen Tonlagen zusammengeschweißt, gestählt durch vier Jahrzehnte im Stahlbad Musikzirkus. Die wenigen Damen im zahlreichen Publikum sind einziges Ziel seiner Avancen, doch die reagieren entsprechend schüchtern auf die penetrante Einbindung in die Show – so etwas kennen die Kielerinnen (noch) nicht. Mit sehr langen Fingern und ebenso langen, bajonettartigen Fingernägeln, lockt der alte Mann, ständig in Begleitung von einem Kameramann, der eine Doku der Europa-Tour dreht. Zwar nutzt sich die schockierende Wirkung im Laufe ab, die Einzigartigkeit des Auftritts bleibt aber gewahrt. Fans aus frühen Tagen lassen sich anschließend ihr Vinyl signieren. Gestatten, „His Royal Nastiness“. Wäre nur tragisch, wenn ausgerechnet Reid mittlerweile gegen Erektionsstörungen ansingen müsste.

Quelle im Internet: http://www.kn-online.de/artikel/2231877