Die Hamburger Band Blumfeld in der Pumpe


Die Band-Mitglieder gaben sich einfühlsam. Foto fpr Die Skeptiker fühlen sich in ihrem Zweifel bestätigt, die Fans dagegen haben wieder einmal ein überzeugendes Blumfeld-Konzert erlebt. Keine protzigen Bühnenaufbauten, Verstärkertürme oder Special Effects – die Hamburger Band gibt sich beim Tourstart bescheiden. Kaugummi kauend singt Distelmeyer "Mein System kennt keine Grenzen", "Armer Irrer" und "Wir sind frei" von den aktuelleren Alben. Er ist der Chef auf der Bühne, dirigiert per Kopfzeichen neue Parts oder bricht den Song Anders als glücklich ab, nachdem eine Gitarrensaite gerissen ist: "Das hat so keinen Sinn!" Die Pause wird genutzt, um Michael Mühlhaus (Bass), Andre Rattay (Schlagzeug) und Tour-Keyboarder Vredeber Albrecht vorzustellen und anschließend in der Wiederholung – einer Initialzündung gleich – das Kieler Publikum auf ihre Seite zu holen.

Mit Testament der Angst und Die Diktatur der Angepassten ziehen Blumfeld das Tempo an, Distelmeyer spuckt auf die Bühne und verschärft den Ton. Die Textverständlichkeit bleibt während des gesamten Abends famos. Zum einen dank des gut abgemischten Sounds, zum anderen ist Distelmeyer ein ausgezeichneter Sänger. Besonders in den ruhigen Passagen – beispielsweise dem Ende von Der Sturm – wird dies deutlich. Nach dem ersten Abgang intoniert er Tausend Tränen tief allein zur Musik aus der Konserve, umklammert dabei zärtlich den Mikroständer, um schließlich beim Outro ein Madonna-Zitat einzubinden – fantastisch.

Die Anhänger der ersten Stunde kommen im Zugabenblock voll auf ihre Kosten: "Viel zu früh und immer wieder: Liebeslieder" vom 94er Album "Ich-Maschine", "Superstarfighter" und "Verstärker" (ein widerspenstiger Hit!) vom Nachfolger "L'Etat Et Moi" zeugen von der rauen Kraft, mit der Blumfeld einst begannen.

Dass die Hamburger nun auch kitschig schöne Balladen in das Programm einbauen, ohne dabei ihre Aussage oder Dringlichkeit einzubüßen, spricht nur für die Band. Im Song "Sonntag2 heißt es treffend: "Ich geh durch die Wohnung mit gemischten Gefühlen / Besteig meinen Thron / und sitze zwischen den Stühlen".

Von Henrik Drüner


Aus den Kieler Nachrichten vom 21.10.2003