Mit angezogener Handbremse


Bon Jovi in der Ostseehalle


Am Ende hatten Bon Jovi doch noch alles richtig gemacht. Beinahe 10000 Fans verließen am Dienstag erschöpft und glücklich die prall gefüllte Ostseehalle, in dem Wissen, bei einem Konzert der zwei Gesichter dabei gewesen zu sein. Vergessen der unglückliche Start: Während die Band drinnen noch den Soundcheck abschloss, machten die Wartenden draußen ihrem Unmut durch ein Pfeifkonzert Luft, die Verlegung von Neumünster nach Kiel und die damit verbundenen Sitzplatzansprüche brachten zusätzliche Irritationen und auch das erste Set der Mannen aus New Jersey kam ziemlich unerwartet und lähmte beinahe die Stimmung. Oder war es nur bewusst eingesetzter Spannungsaufbau?

Als Aufwärmer durften Live ran, die ihre Sachen absolut professionell durchzogen. Sänger Ed Kowalczyk bedankte sich brav dafür, in Deutschland mit Bon Jovi touren zu dürfen, Hits aus erfolgreicheren Zeiten wie I alone weckten positive Erinnerungen und brachten sicher auch einige neue Fans ein. Der Applaus war durchaus wohlwollend. Umbaupause, Bier und Würstchen wurden geordert, erwartungsvolle Spannung im weiten Rund.

Dann der Einmarsch der Hinterhofgang auf den Lagerhallenvorplatz (mit Ziegelsteintapete!): Jonathan Francis Bongiovi, der Frauenschwarm mit dem knackigen Hinterteil, schlenderte grinsend zum Mikro, nahm auf dem Barhocker Platz und wollte die angezogene Handbremse in der Folgezeit nicht lösen - die Ansage "Ich habe einige Überraschungen für euch" hatten viele anders interpretiert. Seine müden Augen - von der riesigen Leinwand im Hintergrund entlarvend ausgestrahlt - sprachen eine zu deutliche Sprache. Eine abgespeckte Version von Livin' On A Prayer oder die gefährlich schöne Ballade Bed Of Roses im Meer der Wunderkerzen waren da noch die Highlights, genauso wie die Doppelhalsgitarre von Richie Sambora. Eher lustloses Akustikgeschrammel als leidenschaftliches Verzerrergeschrei, so dass Schlagzeuger Tico Torres statt seiner Sticks mehr mit Rasseln beschäftigt war.

Nach den Coversongs Fever (schönes Swing-Piano von David Bryan) und Heroes eine kurze Unterbrechung und der erhoffte Umschwung: Nun wurde gerockt! Hocker weg, E-Gitarre im Anschlag und ab dafür: In These Arms, das mittlerweile 20 Jahre alte Runaway, You Give Love A Bad Name und It's My Life hintereinander weg – da tobte die Ostseehalle, Sitzplätze waren nur noch Vergangenheit und Mitklatschorgien durchzogen jeden Song. Frontmann Jon zeigte sich jetzt als der breitbeinige, sexy Muskelshirt-Träger und hüpfte wie ein Flummi auf der Bühne. Sambora konnte sich genüsslich als Solist auslassen und den Songs I'll Sleep When I'm Dead, Status Quo's Rockin' All Over The World und Raise Your Hand (beeindruckende Bilder vom gleichgeschalteten Publikum) den nötigen Druck verleihen.

Gemeinschaftliche Verbeugung der Band, doch die aufgeheizte Menge wollte jetzt mehr. So wurden noch die Zugaben These Days, Never Say Goodbye nachgeschoben, bis Videoschnipsel als versöhnlicher Rausschmeißer dienten. Wollen Bon Jovi in 20 Jahren noch gleichermaßen erfolgreich sein, brauchen sie nur die Setlist der zweiten Hälfte beibehalten. Von Henrik Drüner

 

Kieler Nachrichten vom 19.06.2003