1. Kieler Brückenfestival: Wein, Weib und viel beseelter Gesang

Kiel - Was hat die Hörnbrücke seit ihrer Einführung nicht alles an Hohn und Spott über sich ergehen lassen müssen: Aus der offiziellen Bezeichnung Dreifeldzugklappbrücke wurde im Volksmund entweder „Dreifaltigkeitsbrücke“ oder „Klappt-Nix-Brücke“. Das ramponierte Image könnte sich dank des 1. Kieler Brückenfestivals erheblich verbessern. Positiv geweckte Assoziationen durch Wein, Weib und Gesang - und fünf Live-Bands an drei Abenden. Was das Brückenfestival auch ausmacht: Feuerjonglage in den Umbaupausen, Impro-Theater am Nachmittag.

Ein Freitagabend in Kiel. Auf einem Platz unweit des Bahnhofs an einer tagsüber viel befahrenden Straße sitzen entspannte Menschen. Allophonic, die Band aus den Niederlanden, ist ganz überrumpelt von der Herzlichkeit des Publikums, steigert sich in zwei Sets zu einem stupenden Vocal-Jazz-Konzert. Kurzum: Es passt alles.

Davor, bei Almost Charlie, der ersten Band des Abends, wirkte das Songwriting und die Performance von Sänger und Gitarrist Dirk Homuth allzu unaufdringlich, um die Tischgespräche zu unterbrechen. Festivalatmosphäre kommt erst auf, als die fünf studierenden Jazzmusiker vom Prins-Claus-Conservatorium in Groningen ihren ästhetisch modernen Ansatz untermauern, den sie bereits im vergangenen Oktober im Blauen Engel präsentierten. Die damaligen Songs sind noch im Ohr, der schmeichelnden Stimme von Sängerin Anne Tetsch hapert es weiterhin an Volumen, aber im Bandgefüge wird sie freundlich aufgefangen.

Das Quintett lebt vom kontrastreichen Spiel seiner Mitglieder, indem munter zwischen dynamischen Breakbeats und Ambient-Flächen gewechselt wird. Sehr sämig klingen die Keyboard-Akkorde von Johannes Arzberger, der Rest mag es auch gerne mal frickelig, wenn sich Bassist Pat Speece und Drummer Andreas Bauer an NuJazz-Freiheiten ihres Albums "Soup du Jour" belaben. Quicklebendig schlägt "Winter Feelings" sommerlich quer, bei "Northern Lights" tanzt die Melodie zwischen den Oktaven. Verstärkt instrumentale Passagen bestimmen das zweite Set, und Steven Paul am Saxofon darf sich austoben.

Das Kieler Jazz-Quintett Blue Solitary eröffnet den Abschlussabend. Angekündigt als schwedischer Sommerurlaub, ist einem eher herbstlich zumute. Etwas zu ernst und zu getragen wirkt ein Großteil ihrer Viktoria-Tolstoy-Interpretationen. Nicht von ungefähr lechzen die Zuschauer auf die Frage vor der Zugabe einträchtig nach Beschwingtem. Musikalisch bietet die Kieler Sängerin Katja Berdau, unterstützt von Michael Brodersen (Gitarre), Jens Salsa (Bass), Willi Stellmach (Piano) und Arvid Spiekermann (Drums), ein herrliches Stück skandinavischen Popjazzes. Überwiegend Balladen und Midtempo-Songs, mystisch und verträumt. "No Regrets" und "Shining On You" sind Kompositionen des verstorbenen Esbjörn Svensson.

Bass und Schlagzeug bilden dabei ein kongeniales Duo: Salsa am Sechssaiter studiert Popularmusik an der Hamburg School of Musik, Spiekermann mimt den Blues Brother mit dunkler Sonnenbrille und schwarzem Hut. Auf diesem grundsoliden Fundament gerät Stellmachs Konzert-Premiere zum Selbstläufer, während Brodersen den „laid-back“-Stil eines J.J. Cale vollführt. Im Zentrum steht jedoch Berdau: Mit erröteten Wangen ballt sie die Faust, möchte den hochemotionalen, wenngleich geliehenen Texten Nachdruck verleihen. Und sie ist ganz Frau: „I will walk on these high-heels / You can't make me fall“ (in "High Heels").

Am Himmel leuchtet ein Regenbogen nach dem Wolkenbruch, und man hat das Gefühl, dass der Kelch oft genug gerade noch einmal an der Hörnbrücke vorbeigegangen ist. Organisator Lutz Lueck Augenblicke später: „Ich glaube, der Kelch ist schon einige Male an uns vorbeigeschrammt.“ Bevor das Dreysand Trio mit Kopf Thomas Ruser den Schlusspunkt des Festivals setzt, bejubeln alle Anwesenden die Blue-Solitary-Zugabe "Cajun Moon". Sollte nicht das letzte Brückenfestival gewesen sein.

KN-Online