Tanzes Rausch


Flamenco in der Räucherei


Den Blick weiter starr nach vorne gerichtet, umkreist die Tänzerin scheinbar unbeirrt und elegant die gerade verlorene Haarspange, als gehöre dies zur Choreographie. Doch der Flamenco erlaubt kein Verlassen der kontemplativen Stimmung, und wohl nur wenige verstehen es besser als Carmen de Torres, den dramatischen Charakters dieser südspanischen Volkslieder auf der Bühne darzustellen.

Mit ihrer Gruppe (Tanz: Saskia van Dijk, Gesang: José Parrondo, Gitarre: José Manuel Tudela) begeistert die Spanierin aus Sevilla in der gut besuchten Räucherei alle Anwesenden. Der Programmtitel "Camino al Sur" führt auf dem Weg nach Süden über diverse Tanzformen, Gitarrensoli und Gesangspartien, in denen die Bandbreite des Flamenco deutlich wird.

Auffällig bei den Tänzerinnen ist die stolze und weibliche Körpersprache, mit der Emotionen wie Freude, Trauer oder Leidenschaft wiedergegeben werden. Die weichen Bewegungen von Armen und Händen stehen dabei in starkem Kontrast zu dem energischen Aufschlagen der Schuhsohlen, das vom staccato-Prasseln bis zum donnernden Hammerschlag reicht. Beim "Siguiriyas" vor der Pause unterstützt de Torres mit Kastagnetten das rhythmische Feuerwerk.

José Parrando umschwärmt mit flehendem und inbrünstigem Timbre das Treiben der weiblichen Koketterie, melismatische Linien prägen seinen Gesang. An der Gitarre setzt José Manuel Tudela brillante Akzente durch fein arpeggierte Akkorde und den stark perkussiven Charakter der rechten Schlaghand.

Den fulminanten Abschluss des Programms bildet "Soleá", bei dem Tanz, Gesang und Gitarre sich zu einer ekstatischen Synthese vereinen. Alles muy apasionado. Derartig mitgerissen, entlässt das Publikum Carmen de Torres y grupo erst nach zwei Zugaben. Kiel erlebt derzeit den Rausch der Kultur, an diesem Abend den Rausch des Flamenco.

Henrik Drüner

Kieler Nachrichten vom 01.04.2001