Sphärische Stilleben


Das Christoph Oeding Trio stellte in der Alten Meierei am See das neue Album Northwest vor


So idyllisch die Alte Meierei am See in Postfeld gelegen ist, so idyllisch und einfühlsam zeichnet der bei Mölln lebende Gitarrist Christoph Oeding auch seine Klanglandschaften. Detaillierte Tonmalereien voll innerer Ruhe, die Weite des Horizonts im Blick. Im Kontrast dazu der Beginn des Konzerts in der gut besuchten Alten Meierei: Die meditative Grundhaltung, mit der Jazzgitarrist Oeding seine Songs zu schreiben pflegt, schien erheblich gestört.

Das Trio mit Schlagzeuger John Marshall und Bassist Jimmi Roger Pedersen produzierte wohl Töne zur gleichen Zeit, brachte sie aber noch nicht in Einklang zueinander. Jeder der drei Musiker frickelte in seinem eigenen Terrain, das Zusammenspiel hakte, Stirnrunzeln im Publikum bei dieser Wucht an experimentellem Jazz. Ohren zu und durch!

Doch schon im dritten Song Big Joe – als Hommage an Joe Pass – hatte sich das Christoph Oeding Trio gefunden und präsentierte sich als die erwartete Einheit, die ab diesem Zeitpunkt wie aus einem Guss harmonierte. Der Bandleader hatte den Gitarrengurt eng geschnallt, um den Saiten seiner Gibson ganz nah zu sein, um zu spüren, wie die unzähligen perlender Einzeltöne in scheinbar loser Struktur sich zu riesigen Melodieburgen auftürmten. Melodien, die mit Hall belegt sofort im Gedächtnis blieben. Sequenzschleifen, die in der Wiederholung wie entferntes Möwengekreische klangen. Besonders in den ruhigen und beinahe kammermusikalischen Passagen zeigte sich die Klasse, wenn der Zuhörer die Augen schlossen und sich ganz dem Schönklang von Balladen wie Night und His Song oder dem sphärischen Stilleben Morning Theme hingeben konnten.

Oeding erwies sich mit seinem Repertoire als wahrer Universalist, bediente ebenso scofield'esken Funk bei (Looking Out The) Backdoor wie Blues-Folk mit Josie's Song. In diesen Stücken konnte sich auch Trommler Marshall ausleben, der mit mürrischem Gesichtsausdruck das gesamte Programm hindurch mit vertrackten Rhythmen und etwas zu aggressivem Einsatz überraschte. Erst, als der Veranstalter nach der verdienten Zugabe die Band vorstellte, huschte ein kurzes Lächeln über das Gesicht des Briten. Der Däne Pedersen charakterisierte ebenso wie Oeding den besonnenen Typ und zeichnete sich sowohl als Songschreiber als auch am Kontrabass mit vielfältigem Spiel aus. Ein internationales Trio, das sich mit dem aktuellen Album Northwest weiterentwickelt hat und mit diesem Auftritt sein Niveau eindrucksvoll untermauern konnte.

Henrik Drüner

 

Kieler Nachrichten vom 01.03.2003