Christopher Dell faszinierte im KulturForum


Kiel – Rund 150 Millionen Tonträger wurden unter seinem Namen bis dato verkauft. Wer seinen Namen kennt, kann Spanish Eyes pfeifen oder Strangers In The Night singen. Dennoch: Bert Kaempfert genießt nicht den Ruf des Jazzers, sondern den eines Komponisten, der die beste Hintergrundmusik für eine Cocktail-Party liefert.

Das mag an Frank Sinatra oder Al Martino liegen, die seine Songs zu Welthits des urbanen Schmusesounds machten. Dass man anders mit Kaempferts Oeuvre umgehen kann, unterstrich Christopher Dell mit Nachdruck im KulturForum. "The Bert Kaempfert Project" heißt die Zusammenkunft von Berliner Musikern, bei der Vibraphonist Dell aus den Originalen zeitgenössische Musik mit einer eigenen, spezifischen Aussage formt. So ergeben sich verblüffende Interpretationen und ein reizvolles Spiel von "Erkennen Sie die Melodie?". Die Melodien sind die alten, die harmonischen und rhythmischen Gefüge jedoch sind verrutscht, lassen die vertrauten Tonfolgen leicht deplatziert wirken. Beim akustischen Such-, Findungs- und Umformungsprozess wird man zum Ohrenzeugen einer Kaempfertschen Neuerfindung. Nach einer weiteren Swing-Version von "Strangers In The Night" hat ohnehin niemand gerufen.

Im zur Hälfte gefüllten KulturForum versucht Dell in seinen Improvisationen, den Zwischenraum von Festgelegtem und gerade Gefundenem mit Bewegung zu füllen. Dabei stellt er seine eigene Arbeit am Vibraphon in den Dienst einer atmosphärisch ausgerichteten Ensemblearbeit. Carsten Daerr am Flügel, Kontrabassist Oliver Potratz und Schlagzeuger Eric Schäfer präsentieren sich als kongeniale Mitstreiter, die scheinbar mühelos mit Dynamik und Tempo hantieren und zu jeder Zeit rhythmische Finesse beweisen, allen voran Pianist Daerr, der die Saiten des Flügels mit Fingern, Sticks oder auch einer handelsüblichen Bratpfanne bearbeitet.

"Wiedersehn", einer der Songs vom Konzept-Album "The World We Knew", nimmt Fahrt auf zum stoischen Schlagzeugbeat, "Afrikaan Beat" bringt eine Melodica ins Spiel, während bei "It Makes No Difference" die Abstraktion statt Weiterführung des Originals dominiert. Christopher Dell beweist hier besonderes Gespür in Form eines flirrenden Solos. Dazu summt, stöhnt und singt er im Flüsterscat, dass ein Raunen durch die Publikumsreihen geht. Dell lebt sein Spiel ganz physisch aus, wirbelt mit den zwei Schlägelpaaren, taucht ins Klangmeer ein, wiegt den Kopf im Rhythmus, verzieht das Gesicht, macht Luftsprünge. Vielleicht, weil er eines der klangschönsten Instrumente spielen darf mit dessen glockig-perkussivem, dennoch weichem und rundem Farbton. Über alle Maße elegant! Dies gilt auch für Kaempferts Songs, die per se Stil verströmen. Die Melodien hätten Tiefe aus sich selbst heraus, so dass man als Musiker kaum noch etwas machen müsse, wie Dell mit gehörigem Understatement betont.

Als Höhepunkt erweitert Gitarrist Ladi Geisler das Quartett. Der gebürtige Prager ist seit Jahrzehnten Wahl-Hamburger und steht für den "Knack-Bass" im Orchester von Bert Kaempfert. Django Reinhardts "Nuage" vollführt er mit Reife und Persönlichkeit von fast 80 Lebensjahren zu einem seelenvollen und erhabenen Swing, "Danke Schoen" belohnt schließlich die konzentrierte Arbeit sowohl auf als auch vor der Bühne. Eine Generationen übergreifende Kooperation, die moderne Frische versprüht. Verbeugungen, Zugaben, Chapeau.

 

Quelle im Internet: http://www.kn-online.de/artikel/2104811