Clasen Köhler Quartett: Stelldichein der Jazz-Szene

Kiel – Als sei Zeit nur ein lästiger Parameter des Lebens, als wären 20 Jahre mit einem Wimpernschlag vergangen: Kurz vor Ende des regulären Programms tummeln sich die Bandmitglieder des Clasen Köhler Quartetts mit den zahlreichen Musikergästen auf der Bühne im Blauen Engel, bilden eine hochkarätig besetzte Jam-Session unter Konzertbedingungen. Gemeinsam feiern sie die Veröffentlichung der zweiten CKQ-Platte „Midnight Blue“. Ein Abend als Lebenselixier der Kieler Jazzszene.

Der Laden brummt, die Erwartungen sind hoch. Vor dem Eingang drängeln sich diejenigen, die keinen Einlass mehr bekommen haben. Sie drücken ihre Nasen an die trennende Scheibe und ärgern sich, nicht fünf Minuten früher vom Sofa hochgekommen zu sein. Kenny Burrells "Chitlins Con Carne" kocht erstmal den Stressfaktor runter, der in der Enge entsteht: Ein leichter Bossa-Groove pulsiert, Gesche Clasen behaucht die Querflöte mit aspiriertem Flüstern ins Anblasloch, im Rücken die unerschütterliche Performance der vier Herren. Vier, weil „special guest“ Sönke Liethmann an den Congas die lateinamerikanischen Rhythmen mit authentischer Leichtigkeit bereichert. Ebenso bei Clifford Browns "Minor Mood" oder "Full House" von Wes Montgomery – das Clasen Köhler Quartett ist nicht darauf angewiesen, die Zuschauer mit knallbuntem Esprit oder überschäumender Spielfreude zu blenden.

Wie vor knapp vier Monaten im KulturForum dominiert auch hier das zurückhaltende und unaufgeregte, dafür umso präzisere (Zusammen-)Spiel. Clasen imitiert ausdrucksstark die jeweiligen Melodieinstrumente der Originalinterpreten, teilweise in synchroner Eintracht zu der eng geschnallten Gitarre von Jens Köhler. Drummer Ulrich „Miele“ Meletschus konzentriert sich auf dezenten Beseneinsatz, während Bassist Harry Kretzschmar ohnehin musikalischem Naturgesetz zu gehorchen scheint – oder, wie es Anekdotenlieferant und Teilzeit-Percussionist Richard Berkowski formuliert: „Wenn Harry am Bass ist, ist alles in Ordnung.“

Im Publikum treffen alte und neue Musikerkollegen aufeinander, aber auch viele Fans und Freunde, die bereits dem Release-Konzert des Debütalbums "Autumn Leaves" im Dezember 1987 beiwohnten. Die Stimmung ist wohlwollend, während der Sound von der Bühne vergleichsweise verhalten bleibt. Vielmehr besticht der vermeintliche Gegensatz im Sound, der einen sowohl transparenten als auch dichten Charakter aufweist. Womöglich liegt es an dem unabhängig voneinander gereiften Stil und der damit gewonnenen Sicherheit, immer noch (oder wieder) zu einer gemeinsamen Idee des Gesamtklangs zu finden.

Die Gäste setzen das Sahnehäubchen auf, seien es Stefan von Dobrzynski (Saxofon) und Arvid Maltzahn (Posaune) beim Titelsong "Midnight Blue", vor allem aber Marc Breitfelder, der bei den Miles-Davis-Stücken "So What" und "All Blues" für den zündenden Moment sorgt und eine Sternstunde im Harp-Solo-Segment kreiert. Virtuos saugt er den Blues aus seiner Mundharmonika, haucht ihr im Gegenzug mit faszinierenden Bendings Leben ein. Vor dem großen Finale "(Get Your Kicks On) Route 66" tritt Anne Wunderlich bei George Gershwins "'S Wonderful" in die Fußstapfen von Ella Fitzgerald. Wie gesagt: eine ausladende Jam-Session. Bleibt zu hoffen, dass das Konzert Ausgangspunkt für weitere Aktivitäten ist und der Nachfolger nicht bis 2028 auf sich warten lässt.

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