Clickclickdecker im Weltruf - Aus dem Leben geschnitten


Kiel – Wer kennt nicht das ohnmächtige Gefühl, wenn man einen Taxifahrer in einer überreifen Nacht bittet: "Fahr mich einfach nach Hause / Frag nicht nach morgen / Lass mal gut sein mit dem Wechselgeld". Das ist direkt aus dem Leben geschnitten, ebenso der Songtitel "Wer hat mir auf die Schuhe gekotzt". Geschrieben hat ihn Kevin Hamann alias Clickclickdecker, der im Weltruf sowohl mit Bandunterstützung als auch Solo begeisterte.

Das aktuelle Album "Nichts für ungut" ist eine Platte voll mit Liedern für den Sonntagnachmittagskater, getragen von Zweifeln und Resignation am Leben und dem ganzen Rest. Die Songs entstanden größtenteils in Schlafzimmern, nämlich in dem von Sänger und Gitarrist Kevin Hamann selbst sowie dem seines Toningenieurs – mit den entsprechenden Auswirkungen auf die Intimität der Musik. Stücke, die nicht unbedingt die Welt erobern wollen; die eher die Welt nach Hause holen, um ihr die Möglichkeit zu geben, sich auszuruhen. Bei Zeilen wie "Es ist wie die U-Bahn, die nicht kommt oder der Mut, den man nicht hat" fühlen sich viele aus der Seele gesprochen. Sie pilgern alle ins Weltruf und laben sich an den einnehmenden Melodien und schlichtweg großartigen Texten mit all den Introspektiven, dem zynischen Weltschmerz und der schimmernden Hoffnung zwischen den Zeilen.

Das Bandspiel ermöglicht den Live-Druck: akzentuierter Bass (Lars Lewerenz), agiles Indierock-Schlagzeug (Simon Rass) und Schrammelgitarre. Zum Glück nicht ausschließlich Schrammel, denn so verliert sich der Sound nicht in monotonem Einerlei, bei der die Gitarre gar nicht mehr zur Ruhe kommt. Stattdessen gibt es Ausflüge in Postrock-Gefilde, wenn mit Pausen, abrupten Breaks und bewussten harmonischen Brüchen gearbeitet wird. Gemeinsam lachen die drei über das übertrieben kitschige Ende eines Songs, liest der 26-jährige Wahl-Hamburger bei einem Instrumentalpart die Aufdrucke von Toiletten-Einweg-Handtüchern vor oder streut Anekdoten aus der Rostocker Tour-Unterkunft am Morgen in die Runde. Sehr spontan, sehr sympathisch. In der Presse ist oft von einer musikalischen Verwandtschaft zu Kettcar zu lesen, von Parallelen beim Songwriting, Melodien und der Melancholie, aber Clickclickdeckers Gestus ist ein anderer: weniger kumpelhaft, unrockiger, besser. Das beweist nicht nur die Single "Immerhin beabsichtigt" mit Nachdruck.

Pünktlich um 22 Uhr verabschieden sich Bass und Schlagzeug, damit das Weltruf nicht zum "Polizeiruf 110" wird. Einen schönen Dank an die Nachbarn! So führt Kevin Hamann die letzte halbe Stunde des Konzerts mit der Halbakustischen weiter, aus dem Bandsound wird beinahe ein Unplugged-Format. Dramaturgisch sicherlich nicht die beste Lösung, gleichwohl nicht minder intensiv. Die Texte bekommen dadurch mehr Aufmerksamkeit und Verständlichkeit, vorgetragen von einer rauen und individuellen Stimme, die manches Mal den Wunsch hegt, sich zu überschlagen und all die Wut hinauszuschreien, die sich auch in einem durchschnittlich verkorksten Leben so anstaunt. Ich kenne meine Schwächen heißt es dann – und jeder unterm Schiffsbug im Weltruf weiß um die Bedeutung dieser Worte. Mit dem ausklingenden Schlussakkord eines der Highlights "Mit ohne (Anourak)" bittet Clickclickdecker höflich an die Weltruf-Theke. Es gilt, ab Mitternacht auf einen Geburtstag anzustoßen. Seinen eigenen.

Quelle im Internet: http://www.kn-online.de/artikel/2077724