Daisy Chapman in der Hansa48

Voller künstlerischer Tiefe

 

Kiel – Ein E-Piano, eine Stimme, eine verschworene Einheit. Was Daisy Chapman in der Hansa48 mit der klassisch-morbiden Piano-Ballade anstellt, grenzt bisweilen an eine Offenbarung. Innerhalb einer Stunde entwickelt die aus Bristol stammende Sängerin eine derartige Fülle an Aufrichtigkeit und künstlerischer Tiefe, dass man sich fragt, warum diese Musikerin noch nicht viel berühmter ist.

Eine Frau und ein Klavier. Da kommen im Pop/Rock-Bereich gleich mehrere Kolleginnen von Chapman in den Sinn: Tori Amos, Norah Jones, Alicia Keys, Fiona Apple, Ani DiFranco oder Amanda Rogers. Mal poppiger, mal engagierter, mal lieblicher und mal gewollt mit Traditionen brechend. Bei der blonden Britin vereinen sich diese Attribute auf verblüffend harmonische Weise. Dabei ist das, was sie mit ihrem aktuellen Deutschland-Debüt „And There Shall Be None“ bietet, nicht einmal wirklich originell – umso verwunderlicher, wie sie den Zuhörern das Wesen ihrer Musik injiziert. Es ist nicht so wichtig, was man spielt, sondern wie man es tut.

Begleitet wird Chapman auf ihrer Tour von dem Folk-Duo Doghouse Roses aus Glasgow. Auch Paul Tasker und Iona Mcdonald haben ein neues Album, „How’ve You Been (All This Time)?“, im Gepäck. Und man nimmt ihnen gerne ab, dass sie mächtig stolz auf das Ergebnis sind. Sie: grüner Lidschatten zum rot wallenden Haar, passend dazu das grün leuchtende Herz an der Halskette, er: bärtiger Zausel mit schiefen Zähnen und zerlegten Akkorden auf der Halbakustischen. „Thunder Of The Dawn“ mag ein dramatischer Titel sein, doch das Songwriting ist lammfromm und ohne jegliche Aufgesetztheit.

Im Vordergrund steht ein traditioneller Anstrich von Folk und Blues im Stile von Fairport Convention oder Willard Grant Conspiracy. Er singt von der „Happiness“ über den geglückten Umzug aus der Provinz (Aberdeen) in die Großstadt (Glasgow), sie singt von den Cowboys in Rory Gallaghers „Out On The Western Plain“. Zwei Stimmen, eine Gitarre, eine verschworene Einheit. Wunderschön.

Wenn Daisy Chapman Fremdkompositionen interpretiert, dann zeigt sie sich schnörkellos, die Melodie eng am Original, die Begleitung harmonisch, aber dennoch keine Spur schmalzig, sondern einfach nur ergreifend. Die Kombination aus kraftvoller, scheinbar emotionsloser, aber mit Pathos geschwängerter Stimme und teilweise hämmernder, dennoch verspielter Klaviertechnik machen in jedem Fall etwas Neues daraus. Sowohl „Our Mutual Friend“ von Divine Comedy als auch Rihannas R&B-Hit „Umbrella“ könnten bei den wenigen, die in der Hansa48 die Originale nicht kennen, glatt als eigenes Stück durchgehen.

Ein zentrales Element in der Live-Performance von Daisy Chapman entlarvt sie als Künstlerin des 21. Jahrhunderts: Wie selbstverständlich singt sie drei, vier Backgroundstimmen zu Beginn eines Songs ins Effektgerät, ihre „Magic Box“, um die Overdubs anschließend je nach Bedarf in die Live-Situation zu integrieren. Und das geschieht nicht nur absolut haargenau, sondern verhilft den Songs mit geschicktem Einsatz zu weiterer Ausdruckstiefe.

Thematisch geht es um Bewährtes: Liebesschmerz („07.07.07“), ihre persönliche Abneigung gegen Amerika („Erase The Frown“) oder das Gefühl, nach langer Tour wieder nach Bristol zu kommen („Home“), vertont mit spielerischer Vehemenz, aber frei von inhaltlichem Aufbegehren. Doch an einen Text wie „I drink on my own / drink slow, keep your lips closed / The bar is now closed, I’m going home” würde sich eine Norah Jones wohl kaum wagen. Und dann diese Stimme! Ungemein facettenreich, ein großes Intervall abdeckend, eindrucksvoll in Präzision und Klangfarbe. Als Sängerin von Scarlatti Tilt schon Daisy Chapman bereits auf sich aufmerksam machen – als Solo-Musikerin setzt sie ein noch deutlicheres Ausrufezeichen.