DePhazz & hr-Bigband (The Radio Bigband Frankfurt)

Vom Kampf zum Spiel

 

Als die Anfrage vom Hessischen Rundfunk nach einer gemeinsamen Show kam, musste DePhazz-Mastermind Pit Baumgartner nicht lange überlegen. Welcher Künstler bekommt schon die Chance, seine Songs im Gewand einer veritablen und zugleich namhaften Bigband hören zu können? Aus zwei Live-Konzerten entsprang schließlich das Album „Big“ (Phazz-a-delic/edel Kultur), das die Verschmelzung zwischen Heidelberger Pop-Affinität und der Radio Bigband Frankfurt auf einen klangvollen Nenner bringt.

„Ich dachte, wenn wir das schon machen, dann doch am besten gleich mit Aufnahmen, um auch eine Platte davon zu haben. Sozusagen als Dokument für die Ewigkeit.“ Baumgartner ist bekannt als ein Mann der Tat. Und als ein Produzent, der Qualität zu schätzen weiß. „Es adelt unsere Arbeit, wenn Musiker, die ihre Instrumente richtig spielen können, sich unserer Songs annehmen. So eine Bigband ist ein toller Apparat, einer, den man unterhalten muss.“ Die Vorstellung, durch die CD-Produktion etwas (Bedenk-)Zeit verstreichen zu lassen, schien darüber hinaus nicht das Motiv von Pit Baumgartner, jedoch eine angenehme Begleiterscheinung.

Denn nachdem sich DePhazz ein Jahrzehnt durch den Pop-Dschungel geschlagen und Schneisen hinein gehauen hatten, brauchte die Musikalität der Band eine Atempause. Man war an einem kritischen Punkt angelangt, an dem die zwangsläufige Frage aufgeworfen wird: Was kann man denn noch machen? Beziehungsweise: Was kann man noch anders machen? So gleicht „Big“ sowohl einer Rückschau im Sinne eines „Best of“ der besonderen Art als auch einer Momentaufnahme, die verdeutlicht, welchen Interpretationsspielraum die stilistische Metamorphose von Musikstücken bietet.

Zweifellos lagen die Hits von DePhazz in geübten Händen: Die hr-Bigband gilt als eines der innovativsten Jazzensembles in Deutschland. Ihre Stärken sind eine fantasievolle Programmgestaltung, eine rege Konzerttätigkeit sowie die Besetzung mit hochkarätigen Musikern und Solisten. Einer Statistik zufolge existieren bundesweit an die 4000 Bigbands, jedoch nur vier professionell arbeitende, namentlich die Rundfunk-Bigbands in Hamburg, Stuttgart, Köln und eben Frankfurt. Das 17-köpfige Ensemble (Saxophon: Heinz-Dieter Sauerborn, Tony Lakatos, Oliver Leicht, Julian Argüelles, Rainer Heute; Trompete: Martin Auer, Axel Schlosser, Thomas Vogel; Posaune: Günter Bollmann, Christian Jaksjø, Peter Feil, Manfred Honetschläger; Piano: Peter Reiter, Gitarre: Martin Scales, Bass: Thomas Heidepriem, Schlagzeug: Paul Höchstädter) ist groß genug, um es ein Orchester zu nennen, aber immer noch so klein, dass man jede einzelne Stimme braucht.

Als aktueller „Artist in Residence“ konnte der US-Pianist, Arrangeur und Komponist Jim McNeely verpflichtet werden. Chefdirigent Örjan Fahlström, der zuvor bereits mit der NDR-Bigband gearbeitet hatte, unterschrieb 2008 einen Drei-Jahres-Vertrag. Die Band deckt das gesamte Spektrum des Jazz ab und sprengt dabei die Grenzen zu Klassik, Pop und Weltmusik. So werden Tradition und Innovation, Unterhaltung und Kunst sowie Projekte mit jungen Talenten und internationalen Stars wie Mike Stern, Michael Brecker, Billy Cobham, Django Bates oder John Scofield vereint.

Gegründet 1946 als „Tanzorchester von Radio Frankfurt“ – dem späteren Hessischen Rundfunk – setzte man anfänglich vorwiegend auf die Produktion von Unterhaltungsmusik und begleitete Radio- und Fernsehshows. Seit den 1970er Jahren emanzipierte sich der Klangkörper schließlich zur Jazz-Bigband mit Schwerpunkt Konzerttätigkeit. In jeder Saison nehmen rund 25 neue Projekte Gestalt an, die in durchschnittlich 50 Konzerten live aufgeführt werden. Ein jüngstes Beispiel: „Visions of Miles“, also Songs von Miles Davis in neuen Arrangements des Gastdirigenten Colin Towns. Insofern reproduziert die hr-Bigband nicht nur Stücke, sondern ist kreativ tätig. Eine der größten Herausforderungen folglich für ein solches Ensemble: die eigene Stimme zu erkennen und auszubauen.

Das Procedere im Vorfeld zu „Big“: Die Musiker der hr-Bigband wählten ihre favorisierten Songs aus, arrangierten diese eigenständig, bis es 2005 zu zwei umjubelten Konzerten mit Sängerinnen und Sängern in Hanau und Frankfurt kam. DePhazz-Hits wie „The Mambo Craze“ erhielten so eine neue klangliche Dimension dank Unterstützung der Frankfurter Musiker. Wobei sich laut Pit Baumgartner die Experimentierfreudigkeit auf der CD in Grenzen hält: „Es wäre vielleicht interessant gewesen, 'Mambo Craze' gerade nicht im Mambo-Rhythmus, sondern als Swing-Jazz zu gestalten. Vorsichtig ausgedrückt: Es entspricht nicht unbedingt dem Gipfel der Innovation im elektronischen Kontext von DePhazz, aber das ist auch nicht gewollt.“

Ohnehin kann der Produzent die ständige Hatz nach Originalität nicht nachvollziehen. Zehn Jahre lang durchpflügte der Soundbastler im Studio alles, was zwischen den Eckpfeilern Jazz und Pop vorzufinden war: Mambo, Soul, Latin, Dub, Schlager, Reggae. „Ich höre auch derzeit viel Musik, vor allem aus meiner Sparte“ – Stille in der Telefonleitung – „das ist jetzt eine selbst gestellte Falle, oder? Okay, halt Easy Listening, gediegene Unterhaltung, verträglicher Jazz, wie du es nennen willst“.

Auf dem Debütalbum „Detunized Gravity“ dominierten noch verstärkt elektronische Elemente, die in instrumentalen Tracks eine kühle Atmosphäre zwischen TripHop, Drum’n’Bass oder Jungle verströmten. Erst mit den Nachfolgern „Godsdog“ (1999), „Death By Chocolate“ (2001) und „Daily Lama“ (2002) etablierte sich der charakteristische, obgleich heterogene DePhazz-Sound voll organisch elektronischer Kompositionen. „Natural Fake“ (2004) und „Days Of Twang” (2007) versuchten mit nur mäßigem Erfolg, an diese Hochphase anzuknüpfen. Und auch Baumgartners Soloalbum „Tales Of Trust“ aus dem vergangenen Jahr krankte an der stilistischen Sackgasse, in die sich der Produzent manövriert hatte. „Am liebsten sind mir daher auch die Fans, die mitgehen und mitwachsen“, räumt der Labelmacher ein, der Phazz-a-delic seit 2001 mit Partner Haluk Soyoglu betreibt. „Man sollte Veränderungen annehmen als Teil einer persönlichen und daher auch musikalischen Entwicklung.“

Bei seiner Nebentätigkeit als Textvertoner könne Baumgartner dagegen frei von Formaten arbeiten und eine künstlerische Freiheit ausleben, die ganz eigene Werke entstehen lasse. Doch die Musikbranche sei schon speziell: „Die Misere zieht sich durch die gesamte Baustelle. Alles ist im Umbruch, und ich habe noch nicht genau verstanden, wohin es sich entwickeln wird. Insofern auch meine abwartende Haltung. In letzter Zeit denke ich oft über die sich selbsterfüllende Prophezeiung nach, versuche diesen Gedanken aber von der eigentlichen Musik zu trennen, indem ich im Studio die ganzen Einflüsse von außen vor der Tür lasse. Der Geschäftsmann darf keine Rolle spielen, wenn es um die Freude an der Musik geht.“

Geradezu ehrfürchtige Freude kam auf, als Baumgartner die Tonspuren der umarrangierten Songs aus Frankfurt geschickt bekam. „Jedes Stück hat seine Momente. Es hat den Anschein, als kämen die Collagen, die ich früher aus Platten vom Flohmarkt zusammengeklaubt habe, jetzt nach Hause. So schließt sich gewissermaßen der Kreis.“ Nur das Schlagzeug programmierte er neu, um es kompakter zu gestalten. Schon im Interview anlässlich des Albums „Natural Fake“ zeigte sich Baumgartner als Anhänger der komprimierten Produktionsform, als er betonte, dass selbst ein Heavy-Metal-Stück bei ihm so klingen würde, dass man es im Café hören könnte. Da die Beats nach Klick eingespielt wurden, konnte daher nach Belieben mit den Tonspuren gewürfelt werden. Zudem sollte die Platte keinen Mitschnitt-Charakter haben: Pit Baumgartner ist kein Freund von Live-Aufnahmen mit jubelnden und schreienden Menschen im Hintergrund.

Trotz der instrumentalen Vielfalt stellen die Gesangsspuren der Langzeitvokalisten Pat Appleton, Karl Frierson oder Barbara Lahr weiterhin einen wichtigen Aspekt dar. Diese wurden teilweise neu eingesungen, teilweise im Urzustand belassen. „Bei 'Mambo Craze' klang Pat so charmant, dass ich mir erlaubte, die Originalspur zu verwenden. Ich bin immer noch verliebt in die Aufnahmen von damals, das würde jetzt definitiv anders klingen. Und auch bei den französischen Songs („Jeunesse Dorée“ und „Excoursion En Mer“, Anm.d.Verf.) bin ich nicht über meinen studio- und klangästhetischen Schatten gesprungen.“

Privater Kontakt zu den Gastmusikerinnen und Gastmusikern bestehe nicht. Nur während der Studiophasen und auf Konzerten komme man zusammen. „Das ist mittlerweile eine eingefahrene Beziehung, im positiven Sinne.“ Der Umstand, dass die beiden Kollegen Pat Appleton und Karl Frierson in der Zwischenzeit jeweils ihr Solodebüt („What’s Next“, 2007, Stereo Deluxe/edel und „Soulprint“, 2006, New Format/edel) veröffentlicht haben, sei darüber hinaus von Vorteil gewesen. Baumgartner schmunzelt: „Sie können mich jetzt einfach besser verstehen, wenn Entscheidungen über Songsauswahl und Soundfragen anstehen.“

Es steht außer Frage, dass „Big“ auch auf die Live-Bühne gebracht werden soll. Zum einen, um die Albumrealisierung gebührend zu feiern, zum anderen wegen des DePhazz-Jubiläums. Dass finanziell statt einer kompletten Tour nur drei Konzerte möglich seien, empfindet der weiterhin lampenfiebrige Pit Baumgartner als traurige, aber nicht zu ändernde Tatsache. „Logistisch ist das ohnehin eine Schwerstaufgabe. Zehn Konzerte geben wir in der Ukraine und Weißrussland jeweils mit einer lokalen Band. Überhaupt haben wir in Osteuropa ein erfreulich großes Standing.“ Auf Deutschland bezogen, stellt Baumgartner den Vergleich zu einem Fußballclub auf. „Hier sind wir ein wenig wie Eintracht Frankfurt: Teure Einkäufe konnten wir nicht tätigen, zu großen Sprüngen reicht der Kader nicht, aber immerhin stehen wir im gesicherten Mittelfeld. Sozusagen vom Kampf zum Spiel.“

Baumgartner räumt ein, dass am Horizont das Wort „ausgebrannt“ aufleuchte, doch er neige ohnehin dazu, auf hohem Niveau zu hadern und zu jammern. Als Gegenbeispiel nennt er einen Kinobesuch: „Als ich 'Death By Chocolate' mit der Joo-Kraus-Trompete in dem Doris-Dörrie-Film 'Nackt' hörte, dachte ich: 'Hey, wow, gute Arbeit!'“ In den anderen, eher grüblerischen Situationen bringe ihn Posaunist Otto „Sugarlip“ Engelhardt wieder runter und mache ihm deutlich, wie toll es sei, dass man die Gelegenheit habe, so ein Projekt zu verwirklichen, und dass nach zehn Jahren so ein Jubiläum gefeiert werden könne. „Es ist eine verkappte Greatest-Hits-Sammlung, aber in so einem Gewand bin ich stolz drauf!“