Die Menge in der ausverkauften Halle400 geriet in Ekstase

Deichkind produzieren ein explosives Spektakel

 

Kiel - Man kannte die sagenumwobenen Festival-Geschichten. Zuschauer, die zu Dutzenden die Bühne stürmen und Security-Brecher zum Weinen bringen. Verkleidete Musiker, die in Schlauchbooten über den Köpfen der Menge wogen. Aber in Kiel, in der kargen Halle400? Mit einer explosiven Mixtur aus Verweigerungspolitik, Ausschweifung und kultiviertem Losertum definierten Deichkind den Konzertbegriff neu. Gemeinsam mit 1800 Feierwütigen sorgten sie für ein völlig überdrehtes Riesenspektakel.

Wie hatten es die Akteure Philipp, Porky, DJ Phono, Sebi und Neuzugang Ferris MC im Vorfeld formuliert: "Es gibt ein klares Bedürfnis vieler Menschen, aus ihrem Alltag gerissen zu werden, Spaß zu haben und zu feiern. Dieses Bedürfnis bedienen wir." Mit welcher Konsequenz sie dieses Vorhaben in die Tat umzusetzen vermochten, war jedoch nicht abzusehen.

Unerwartet reibungslos gelang der Hamburger "Electric Super Dance Band vor zwei Jahren der Befreiungsschlag von deutscher Reimkunst im HipHop-Lager. Als dort die Luft raus war, zogen Deichkind jedes Wochenende mit Trampolin, Hüpfburg, Pogo-Stäben und Schlauchboot durch die Clubs der Republik und hinterließen ein euphorisches Publikum. Basslastiger Electro-Sound dominierte nach der Metamorphose, und als Katalysator diente die abgedrehte Party-Hymne "Remmidemmi" von der CD "Aufstand im Schlaraffenland". Seitdem grölt es landauf, landab "Yippie, yippie, yeah - Krawall und Remmidemmi!" Eines ist vom HipHop geblieben: Der Kopf nickt auch hier auf 1, 2, 3, 4.

Mit dem neuen Streich "Arbeit nervt!" ballern sie sich weiter Richtung Partykeller-Stammtisch. In diesem Umfeld von derbem Humor, einem Hauch von Anarchie und der "Ihr-könnt-mich-alle-mal"-Attitüde dürfen vermeintlich Erwachsene einen Kindergeburtstag feiern, der leicht aus den Fugen gerät. Wegen der Ticketnachfrage musste das Konzert zweimal verlegt werden, um schließlich in der Halle400 zu landen. Und selbst die ist ausverkauft. Als Aufwärmprogramm reicht allein das Abspielen von Videoclips zu Public Enemy, Ramones oder Beastie Boys aus, um ein Tollhaus entstehen zu lassen.

Die Steigerung glückt, als die vier MCs plus zwei Tanzsklaven durch ihr aktuelles Material pflügen, das bis auf die Mikros komplett von Band kommt. Aus früheren Tagen grüßen "Bon Voyage" oder "Limit" und beweisen, wie harmlos sie im Vergleich zu Bassmonstern wie "Metro", "Hört Ihr die Signale" oder "Ich betäube mich" wirken. Ohnehin ein beliebtes Thema: Alkohol. Entweder in den Songtexten ("Kein Gott, kein Staat, lieber was zu saufen"), auf der Bühne in Form einer Bierdusche für die ersten Reihen oder angesichts kollabierender Zuschauer, mit und ohne Eigenverschulden. "Priester, Putzfrauen, Pizzabäcker, Proktologen / Wollen lieber popeln, pöbeln, prügeln, pogen / Lehrer, Kellner, Gärtner, Banker, Broker, Richter / Sehnen sich nach Druckbetankung durch den Trichter", singen Deichkind in der ersten Strophe von "Arbeit nervt!".

Die Bühnenshow ist eine Augenweide. Eine Treppe führt zum Sternentor, vor dem fluoreszierende Gewänder und Voodoo-Gestalten im Schwarzlicht leuchten. Die schicken Choreografien mit allerlei Springen und Hüpfen sowie Ideenreichtum bei der Requisitenwahl befeuern die hochgradig animierenden Einlagen. Die Deichkinder gönnen sich und den Dehydrierenden kaum eine Atempause. Es ist Selbstironie zum Quadrat, wenn sowohl Musiker als auch Zuschauer weder sich noch die Gegenseite ernst zu nehmen scheinen. Zum Finale entfacht der zweite Durchlauf von "Remmidemmi" einen 1800-köpfigen Chor. Wie gesagt: ein Spektakel.

KN-Online