Des Ark - Songs über die Schönheit des Untergangs

Kiel – Es wirkt in den vergangenen Jahren bei nordamerikanischen Künstlern fast wie ein Reflex. Egal, ob sie im Jugendzentrum oder Stadion auftreten – kurz nach der Begrüßung folgt das Bush-Bashing. Im Subrosa klingt das dann so: „Hi, wir sind Des Ark, können kaum Deutsch, ach, und übrigens: Entschuldigung für unsere Regierung.“ Vor Ort gibt es diesbezüglich keine zwei Meinungen, zumal Sängerin und Gitarristin Aimee Argote mit ihrem Akustik-Soloprogramm die absolute Mehrheit der Stimmen im Publikum eindrucksvoll für sich beanspruchen kann.

Kiel ist zweite Station der Tour, das bedeutet für die Musiker jene Dreifaltigkeit aus Urlaub, Schulausflug sowie nervtötender Maloche und Mobilität. Probleme bei der Akklimatisierung scheint Argote zumindest nicht zu haben. Beim Intro eines Songs greift sie den falschen Akkord, bricht ab, lacht wieder ihr lautes und ansteckendes Lachen, das schon beim Essen vor dem Konzert durch das Subrosa schallte, und setzt neu an. Ganz natürlich, ganz sympathisch.

Mit einem Mal ebbt das Kneipenrauschen ab, taucht aus der Stille eine Stimme. Argote, ohnehin kleingewachsen, beugt sich sitzend über die Gitarre, um mit dem Mund nah genug ans Mikrofon zu kommen. Beinahe geflüsterte Worte, ohne Kraft gesungen, füllen den Raum, beseelt mit einem enormen Ausdrucksvermögen. So eindringlich, dass viele äußerlich Hartgesottene im Publikum schlucken müssen. Auf der Platte "Loose Lips, Sink Ships" dominiert noch die Wucht, der Grad an Selbstzerstörung, der sich in den Liedern Bahn bricht. Die lärmenden Passagen des Albums verlieren sich in der ausgedünnten Akustik-Variante, legen so den Kern, sozusagen die nackte Urform des Songwritings, frei.

Übrig bleiben der unverkennbare Folk-Charakter und Mut zur Langsamkeit. Die damit einhergehende Traurigkeit entfaltet sich besonders bei "It's A Hard World Sometimes For Little Things" oder der formidablen Kaputtballade "Some Are Love". Eine brüchige Intensität breitet sich aus, teilweise zweistimmig, wenn Tasha Trasher zusätzlich zur Xylophon- und Akkordeon-Begleitung noch unverstärkt die Stimme erhebt. Cat Power, PJ Harvey, Joanna Newsom oder Bat For Lashes bilden in solchen Momenten nur flüchtige Verknüpfungspunkte im diskutablen Referenz-Netzwerk.

Dass die beiden nicht nur politisch, sondern auch in ihrer sexuellen Orientierung einen deutlichen Standpunkt vertreten, zeigt sich in Wowereit'schen Wir-sind-lesbisch-und-das-ist-auch-gut-so-Ansagen. Trashers Oberarm ziert zudem eine „Homo“-Tätowierung. Aber welche Bedeutung kann den sozialen Geschlechtsmerkmalen innewohnen, wenn zeitgleich die Schönheit des Untergangs besungen wird? Wenn die Wogen von Argotes mal kräftigem, mal zärtlichem Gesang einen mit voller Wucht erfassen, gibt es kein Zurück mehr. Dann gilt es einzutauchen in einen Strudel gebannten Zuhörens. Des Ark, eine Entdeckung.

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