Devendra Banhart


New Weird America? Free Folk? Nenn es Naturalismo!

Man sollte meinen, dass der Blick zurück aufs Jahrzehnt, gerade wenn man maßgeblich an stilistischen Neuerungen der Dekade beteiligt war, ein reizvoller ist. Nicht so für Devendra Banhart: Das 28-jährige Aushängeschild des Schwurbel-Pop widersteht im Gespräch mit Henrik Drüner allen Versuchen, seine exzentrische Attitüde zugunsten fruchtbarer Kommunikation abzulegen.

Im Panorama-Obergeschoss des Hamburger Golden Pudel Clubs fläzt Banhart auf dem Sofa und gibt sich größte Mühe, dem berüchtigten Bild eines Gesprächspartners zu entsprechen, der mit seinen Ausführungen mehr Fragen aufwirft als beantwortet - er baut theatralische Pausen ein, driftet thematisch vollkommen ab und verheddert sich gedanklich. Zu seiner Verteidigung: Es ist das abschließende halbstündige Interview eines ermüdend langen Promotion-Tages zum neuen Album "What Will We Be", der Soundcheck für den abendlichen Showcase rückt näher.Auf die Frage, wie er mit etwas Distanz die New-Weird-America-Bewegung, von ihm stilprägend mitgetragen, einordne, macht der überaus schlaksige und haarige Banhart unverblümt klar, dass er mit solchen Kategorien gar nichts anfangen könne. "Nein, ich sehe absolut keine Zugehörigkeit oder Verbindung zu 'New Weird America'. Alles andere, wirklich, aber nicht 'New Weird America'."[fotor]

Geprägt wurde der Begriff von dem Musikjournalisten David Keenan, der im The Wire über das Brattleboro Free Folk Festival 2003 in Vermont berichtete. Er bezieht sich dabei auf Greil Marcus' Wendung "Old Weird America" - von diesem erstmals in seinem Buch "Invisible Republic" als eine Beschreibung für die amerikanische Folkmusik von der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts bis in die 1960er benutzt. Obgleich rein formal-ästhetisch keine klare Kategorisierung auszumachen ist, werden mittlerweile Musiker und Bands wie Animal Collective, Will Oldham, Sufjan Stevens und eben auch Banhart unter diesen einen Hut gebracht.

Aber gut, ändern wir also das Labeling: Welche Bedeutung hat denn deine Zeit in New York, wo du dich in den sogenannten New-Folk-Kreisen aufgehalten hast? "Es existiert eine Gruppe von Musikern, Antony And The Johnsons, Joanna Newsom, Bat For Lashes, Vetiver, Vashti Bunyan, CocoRosie [es folgen 17 weitere genuschelte Namen, die bei Interesse in den Credits des CD-Booklets nachgelesen werden können] ... eine große Familie von Freunden, die Musik machen. Das verbindende Element ist unser [Pause] Abwechslungsreichtum und die Tatsache, dass unsere Offenheit gegenüber anderen Kulturen vor allem durch Intimes, Persönliches, Einheimisches gebildet wurde. Wir sind nicht verbunden durch eine Wahl von Stil oder Musik, eher durch das gemeinsame Ideal bestimmter literarischer Themen. Ich bin sehr glücklich, diese Menschen meine Freunde nennen zu können."

Man sollte meinen, dass der Blick zurück aufs Jahrzehnt, gerade wenn man maßgeblich an stilistischen Neuerungen der Dekade beteiligt war, ein reizvoller ist. Nicht so für Devendra Banhart: Das 28-jährige Aushängeschild des Schwurbel-Pop widersteht im Gespräch mit Henrik Drüner allen Versuchen, seine exzentrische Attitüde zugunsten fruchtbarer Kommunikation abzulegen.

Da haben sich anscheinend die Richtigen getroffen. New Folk läuft terminologisch nämlich auch unter Freak Folk - und ist somit keine beliebte Kategorie. So äußerte sich Ed Droste (Grizzly Bear) missfällig zu dieser: "Freak Folk hängt ein gewisses Image an: Du musst einen Bart haben und Jesus-mäßig drauf sein, wenn du weißt, was ich meine. Deine Stimme hat sehr außergewöhnlich und vor allem polarisierend zu sein." Und auch Banhart schlägt - einmal mehr abgrenzend, dann aber doch endlich auch zu etwas bekennend - den Alternativbegriff "Naturalismo" vor. Und führt erklärend aus, dass sie, als Musiker, alle auf äußere Eindrücke reagieren würden, im Wechselspiel von Songwriting und gesellschaftlichen Entwicklungen - ein Spannungsfeld, das in den vergangenen zehn Jahren (vor allem in Nordamerika) mit extremen Ausschlägen zu beiden Seiten genug Material geliefert hat. Der nachgeschobenen Frage, inwieweit sein Schaffen ein kultursoziologischer Gradmesser sei, weicht er dann aber wieder aus: "Witzig, wie es läuft", sinniert Banhart. "Manchmal schreibt man den traurigsten Song, wenn man super drauf ist. Oder umgekehrt. Es lässt sich nicht voraussagen. Wichtig ist, dass man feinfühlig bleibt. Mein Songwriting ist emotionales [Pause] Chaos."

Die Einschätzung, dass der wiederentdeckte Sound, wie auch immer wir ihn begrifflich festschreiben, Indiz ist, dass sowohl Musiker als auch der Konsument einen schützenden Gegenpol zu den bröckeligen Grundfesten im Alltag suchen, leuchtet ihm zwar ein, die Worte dazu wählt er aber wieder sehr vage: "Möglicherweise existiert heutzutage diese verstärkte Suche nach Wärme und Geborgenheit, die von Songwritern befriedigt wird und sich in den Songs spiegelt. Darüber hab ich noch nicht nachgedacht. Ich fühle mich beinahe wie auf einem Boot, weil ich nichts sehen kann, bis Land in Sicht ist. Insofern beobachte ich alles aus einer Distanz heraus." Sein Boot ist noch immer eine Berghütte oberhalb von Los Angeles (in der ihn vor zwei Jahren Heiko Behr für Intro #154 besuchte), in der er nach Stationen in Houston, Venezuela, Kalifornien, San Francisco, Los Angeles und Paris eine gewisse Form von Autarkie genießt.

Vom Major-Label Warner, bei dem Banhart fünf Alben nach "Oh Me Oh My The Way The Day Goes By The Sun Is Setting Dogs Are Dreaming Lovesongs Of The Christmas Spirit" untergekommen ist, bekam er zudem sämtliche künstlerische Freiheiten zugesichert. So bewahrte er sich das Händchen für charmant verkiffte Melodien und ein unerschütterliches Laisser-faire. Melodien fliegen ihm zu, manchmal ganze Songs. Alles wirkt wie in einem organischen Prozess mit den Elementen Jazz, Bossa Nova, Pop, Latino und Folk, wenn Brüche die Songs zerfurchen und sich Stimmungen oder Rhythmen abrupt wandeln. Der Zufall wird dabei als bewusst eingesetztes Stilmittel eingesetzt, was nichts anderes heißt, als dass ordentlich improvisiert wird. Aufgenommen wurden die Songs derart mit einem Kollektiv von Individualisten, bestehend aus Noah Georgeson und Rodrigo Amarante (Los Hermanos, Little Joy), Greg Rogove (Megapuss, Priestbird, Tarantula A.D.) sowie Lucky Remington (The Pleased).


Text: Henrik Drüner

Intro #178