Diana Krall

Von Henrik Drüner

Wenn das Emotionsbarometer des Lebens zu beiden Seiten stark ausschlägt, hinterlässt dies Kerben in der Biografie eines Menschen. Bei MusikerInnen - und in diesem speziellen Fall bei Diana Krall - kann es durchaus den Effekt haben, dass eine künstlerische Eigenschaft dazu gewonnen wird, die in keinem Studio der Welt nachgeahmt werden könnte: Persönlichkeit.

Bis zu den Ereignissen im letzten Jahr repräsentierte die in New York lebende Kanadierin den Typus der blonden Diva. Adrett am Klavier sitzend, sang sie romantische Pop-Balladen, die mit pompösen Streicher-Arrangements zugekleistert waren. Mit dem entsprechenden Erfolg: Das Album „The Look Of Love“ verkaufte sich millionenfach, brachte ihr Grammy-Auszeichnungen und eine genreübergreifende Fangemeinde ein. Der Jazz freute sich über eine populäre Vertreterin, der Pop über etwas jazzige Originalität. Doch nach den Tod ihrer Mutter im vergangenen Mai und der Hochzeit mit dem britischen Musiker Elvis Costello im Dezember schlug Krall eine neue Stilrichtung ein, die auf dem aktuellen Werk „The Girl In The Other Room“ (Verve/Universal) deutlich auszumachen ist: Statt der bisherigen Interpretation von Jazz-Klassikern wie „Cry Me A River“ oder „Besame Mucho“ orientierte sich die 39-Jährige diesmal am Blues-Repertoire und schrieb gemeinsam mit ihrem Ehemann an eigenen Songs. „Die alten Standards reichten nicht mehr, um meine Gefühle auszudrücken“ lautet die simple Begründung im Interview mit dem Magazin Jazz thing.

Die hochkarätig besetzte Band - beispielsweise Peter Erskine am Schlagzeug und Bassist Christian McBride - half ihr bei der gehaltvollen Umsetzung der Stücke von Tom Waits, Joni Mitchell oder Mose Allison. Doch auch die Eigenkompositionen gewinnen durch die leicht raue Altstimme ein frisches Profil, das im Wechsel zwischen Kraft und Zerbrechlichkeit sowohl Hirn als auch Herz anspricht.
Was von dem kreativen Gespann Krall/Costello in Zukunft noch zu erwarten ist? Momentan wollen die beiden ihre jeweilige Karriere unabhängig voneinander fortsetzen: „Wir haben nicht vor, als die neuen Sonny und Cher durch die Welt zu tingeln - zumindest heute noch nicht“ wiegelt Diana Krall eine Prognose etwas unentschlossen ab.

Aktuelles Album: „The Girl In The Other Room“ (Verve/Universal)

Weiterhören: Norah Jones „Feels Like Home“ (Blue Note/EMI), Joni Mitchell “Travelogue” (Nonesuch/Warner), Elvis Costello “North” (Universal)