Lautstärke-Orgien mit Diario im Nachtcafé


Eine gehörige Ohrenspülung verabreichte die Leipziger Band Diario dem Publikum im Nachtcafé. Zum einen musste die Masse an Schallereignissen verarbeiten werden, die in dem knackigen Set von knapp einer Stunde auf das Trommelfell einprasselte, zum anderen stieß auch die Dezibelstärke teilweise in grenzwertige Bereiche vor. Doch Schlagzeuger Jan Barich hatte vorgewarnt: "Wenn's zu laut ist – Toilettenpapier gibt's auf'm Klo!"

Neben Barich sorgten noch Gitarrist Gunar Laabs, Bassist Jan Roth sowie Michael Glucharen an Trompete und Keyboard für den mächtigen Soundwall des Quartetts, das sich konsequent einem Zugriff verweigerte. Nicht greifbar, und doch mit einer starken Präsenz ausgestattet. Die komplett instrumental gehaltenen Songs lebten hauptsächlich vom dynamischen Moment, wenn Steigerungen und Wechsel im Arrangement den Schalter umlegten und Energien beim Hörer freisetzten. Seit drei Jahren lassen es die schlaksigen Twenty-Somethings krachen, ohne dabei in Rockposen zu verfallen: keine exzentrische Bühnenshow, keine narzisstischen Soli und nur minimalste Interaktion mit dem Publikum in Form von Ansagen oder Songtiteln.

Mit stoischem Blick und scheinbar unberührt zerlegte Laabs die wohl gesetzten Akkorde, so dass sich seine Emotionen eher in den vielschichtigen Spannungsbögen der neun Songs widerspiegelten. Ganz versunken im Klang, gab er musikalische Ideen frei, die bei anderen Bands für mehrere Dutzend Lieder reichen würden. Absolut variantenreich und aufmerksamkeitsfördernd! Die frickeligen Beats und Breaks des Schlagzeugs nahm Roth am Tieftöner auf, um daraus ein solides Rhythmusfundament zu gießen. Musste er auch, da Lockenkopf Glucharen als Melodiengeber teilweise beidarmig aktiv war: an Trompete und Keyboard. Der bewusst dreckige Ansatz an der Trompete sollte ohnehin keine virtuosen Improvisationen liefern, sondern der Rockbesetzung eine ungewohnte Farbe beimischen. Im Zusammenspiel entwickelte sich so eine spannende Melange aus krachenden Parts, Feedback-Orgien und sanften, beinahe jazzigen Elementen. Besonders die beiden Zugaben zeigten noch einmal die Stärken von Diario. Von Henrik Drüner

nordClick/kn vom 20.02.2004 01:00