Unter Sternen - Hamburger Band ließ in Flensburg die 90er-Jahre wieder aufleben

 


Flensburg – Um so vieles muss man sich Sorgen machen. Um die Rentenkasse, den globalen Klimawandel, in diesen Tagen besonders um Klinsis Buben. Ein Sterne-Konzert hingegen kann ganz entspannt angegangen werden. Auch im Flensburger Max zeigen die Hamburger, warum sie seit über zehn Jahren immer eine Spur mehr tanzbare Lässigkeit als andere Bands in sich tragen.

Sänger und Gitarrist Frank Spilker ist es beinahe unangenehm, als er den Song "Es gibt nichts spannenderes" ansagt. Ein bisschen stumpf sei der schon. Doch das Publikum beweist ihm und der Band das Gegenteil: Begeisterung unter den wohl 300 Zuschauern. Die Arrangements basieren oft nur auf einem einfachen Thema oder Groove, aber das funktioniert. "Was ist mein kleiner Grashalm" steht beispielhaft für diese Sparsamkeit – wie auch das gesamte Material von der aktuellen CD Räuber und Gedärm in der Live-Situation hervorragend umgesetzt klingt.

Darin liegt ein großer Unterschied zu Champagner Gloystein. Die Band aus Hamburg versucht im Vorprogramm, zu viele ihrer wirklich guten Ideen in einen Song zu packen. Dazu etwas hüftsteif, und schon schmälert es den Auftritt. Elmar Günther sprechsingt in Songtiteln wie "Gott zerschneidet das Tischtuch" entsprechend anspruchsvoll, aber das Los einer Vorband wird auch ihnen zuteil: Der Gesang ist viel zu leise abgemischt. Bei den Sternen ist das Problem behoben, nicht nur dank massiver Dreistimmigkeit in den Refrains. Sie können es sich sogar erlauben, einen der größten Hits, "Universal Tellerwäscher", schon sehr früh im Set zu spielen.

Nach acht Alben weist die Discographie genug Material bis zum nächsten Morgen auf. Die ersten Publikumsreihen gehen voll mit, lesen den jeweils nächsten Song von der Setliste ab und stimmen bereits die Textzeilen an. Weiter hinten überwiegt zumindest Wohlwollen. Erstaunlich, wie sehr Bassist Thomas Wenzel die Songs nach vorne treibt, Schlagzeuger Christoph Leich das Tempo hochhält, während Tastenschreck Richard von der Schulenburg zwischen Synthie, Orgel und E-Piano rotiert. Der Titelsong "Räuber und Gedärm" rockt eher hintenrum, fällt nicht mit der Tür ins Haus - und er macht deutlich, dass Flensburg Druck auf direktem Weg bevorzugt.

"Big in Berlin", "Was hat dich bloß so ruiniert" oder "Trrrmmer" sind Selbstgänger, der Soundtrack einer bestimmten Zeit. Es ist 1996, der Schreiber ist weg und bräunt sich in Südfrankreich. Sex in den Trümmern? Kein Kommentar.

Spilkers feines lyrisches Gespür unterstreicht "Pol der Macht", wenn er politische Brisanz einsetzt, ohne den Zeigefinger zu heben: "Und egal wie viel Päpste sterben, es ist noch nicht vollbracht/ du bist wohl immer noch nicht nah genug am Pol der Macht." Die zahlreichen Zugaben werden teilweise auf Publikumswunsch gespielt, so dass Spilker bei einem der frühen Stücke die Bandkollegen unschlüssig nach der Tonart fragen muss. Sympathisch, weil unperfekt. Am Ende von "Bis neun bist du o.k." singt das Publikum weiter, wird schließlich wie ein Boxer angezählt. Doch es gibt wieder einmal zwei Sieger. Und den Sterne-Zauber: Wahr ist, was wahr ist, dass das, was war, immer noch da ist.

Von Henrik Drüner

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