Die vier Pianeure im Kieler Schloss

Mal muskulös, mal leichthändig

 

Kiel – Die Besetzung strotzt nicht gerade vor Abwechslungsreichtum: Georg Schroeter – Piano, Anke Angel – Piano, Christian Christl – Piano und Edwin Kimmler, genau: Piano. Doch was die Protagonisten als die Vier Pianeure im Kieler Schloss an den 176 Tasten veranstalten, entspricht mehr als einer eintönigen Instrumentenwerkschau. Es ist die Boogie-Woogie-Show dreier Herren und einer Dame mit verblüffenden Fähigkeiten in den Fingern und Stimmbändern.

Die Tradition der Vierer-Gruppen im Boogie geht zurück in die 1930er Jahre, als John Hammond in der New Yorker Carnegie-Hall einem überraschten Publikum die Pianisten Albert Ammons, Meade Lux Lewis, Pete Johnson und Big Joe Turner präsentierte. Von dem Augenblick an war ganz Amerika vom Boogie-Fieber infiziert. Diese Magie wirkt noch in der Jetztzeit – wenn auch nur vor mäßig gefüllten Reihen im Kieler Schloss. Doch die stehenden Ovationen am Ende der Zugaben sprechen definitiv für den quicklebendigen Geist dieser Stilrichtung. Obendrein scheint es den Vier Pianeuren ein Anliegen, nicht nur auf Boogie Woogie festgelegt zu werden. Denn neben der Boogie-Basis bilden Blues, New Orleans Jazz oder Ragtime verschiedene Facetten ab, bei denen der Unterhaltungsfaktor nicht zu kurz kommt.

Gleich zu Beginn tritt das Manko eines solchen Klavierquartetts zu Tage: Wenn sich die vier Tastenakrobaten gleichzeitig an zwei noblen Konzertflügeln oder gar im Quartett mit 40 Fingern auf einem Piano austoben, schwindet zwangsläufig die Präzision und der Gesamtklang verschwimmt zu einem diffusen Tastenrausch. Schön anzusehen, aber nahezu frei von spielerischer Finesse.

Umso eindrucksvoller gelingt dies in den Einzelportraits, in denen die verschiedenen Charakteristiken und Vorlieben deutlich werden. Christian Christl, mit bunten Voodoo-Ketten behangener Conferencier der Show und 1986 Mitbegründer des Piano Boogie Quartetts, steht stellvertretend für den Sound aus New Orleans. Zu „Tipitina” steuert der Münchner zusätzlich den Gesang bei, Ethel Waters’ „My Handy Man“ wertet Gesangsgast Scarlett Andrews in ihrer Rolle als sexy Marilyn-Monroe-Imitatorin auf. Lokalmatador Georg Schroeter bildet den Kontrastpunkt als einsamer Blues-Wolf, obligatorisch mit schwarzem Cowboyhut. Sehr feinfühlig intoniert er „Long As I Can See the Light”, an seiner Seite Dauergast Marc Breitfelder, der – „extra aus Kiel angereist“ – mit wirrer Frisur ein Blues-Harp-Solo zum Niederknien zelebriert.

Anke Angel ist der Neuzugang im Viererbunde. Die Niederländerin startete erst spät als Boogie-Pianistin, doch dass sie mittlerweile ein „Prisoner Of Boogie” ist, nimmt man ihr gerne ab. Die sympathische „Music Making Mama“ ist es auch, die das Publikum eine Einführung in Boogie Woogie gibt, genauer: in Frauen-Boogie. Der sei weniger kraftmeierisch als bei den Herren, dafür leicht und unkompliziert, wenn die linke Hand als rollender Bassmotor dient, die rechte für Soli sorgt und von einem bis zu elf Fingern alle Möglichkeiten offen stehen. Bleibt nur noch die Rolle des Comedian an den Tasten. Edwin Kimmler aus Landshut übernimmt den Klamauk-Part, mimt den Eros-Sänger bei „Fever“, das Konditionswunder (wie lange noch?) an der Mundharmonika, hat darüber hinaus Züge von Rowlf, dem Hund aus der Muppet-Show, der Klavier spielt und dazu singt. Die Zuschauer feiern ihn.

Nach der Pause geht es meist paarweise an die Flügel. Die Duo-Bearbeitungen – von Fats Dominos „Blueberry Hill” oder B.B. Kings „Let The Good Times Roll” – setzen musikalische Glanzpunkte. Dann geht es wieder zu viert an einen Flügel: mindestens sechs Hände, menschliche Pyramide auf dem Klavierhocker, Karate-Handkanten-Schläge, Tempo bolzen, Männer-Boogie. Doch es ist offensichtlich, dass hier vier stilistisch unterschiedliche Pianisten miteinander spielen – nicht gegeneinander.