Alle wollen nach Dithmarschen: Rock-Band-Contest in der Pumpe

 

Kiel – Mit den Presidents of the United States of America, H-Blockx, 4Lyn oder Pohlmann auf einer Bühne stehen? Für so manche Lokalband, die eines schönen Tages den nächsten Level in der Bandhistorie erreichen will, ist das ein Traum. Vor den Lohn hat der Rock’n’Roll-Allmächtige nun einmal den Schweiß gestellt, so dass beim Band-Contest in der Pumpe sechs Gruppen um einen Auftritt beim Dithmarscher Rockfestival 2008 im August rangen. Am Ende setzten sich Männerurlaub und Funny Love Painful durch.

Das Procedere: In vier regionalen Vorentscheiden mit je sechs Bands entscheidet das Publikum nach der Veranstaltung per Stimmabgabe jeweils über die ersten beiden Plätze. Diese Gruppen fahren zum Finale in die Grosse Freiheit 36 nach Hamburg, wo am 13. Juli die acht Finalbands schließlich vier Festivalteilnehmer ermitteln. Neben den musikalischen Argumenten war es folglich ratsam, seine Anhänger möglichst zahlreich in die Pumpe zu locken. Jede Stimme zählt. Und jede Minute der Auftrittszeit wird genutzt: Kurze Ansagen, kaum überflüssige Spielereien, möglichst Musik pur.

Vaza Köstlich läuten den kurzweiligen und stilbunten Abend ein. Die vier Kieler scheinen in den letzten Jahren viel britischen Indie-Rock gehört zu haben – das Songwriting entspricht absolut zeitgemäßem Geschmack mit Tempo, treibendem Schlagzeug und Funk-Gitarre, exemplarisch bei „Don’t Stop The Beat“. Sänger Doc Peyn spielt mit dem Mikro, posiert für den Fotografen, doch es überdeckt nicht die leichten Defizite beim Gesang. Angetrieben von einem starken Drummer schnurrt der Live-Motor von Männerurlaub mit deutschem Pop-Punk. Die Texte erfordern wenig Gehirnschmalz („Mir geht es gut, mir geht es richtig gut“), aber Frontmann Jonathan Wendlandt punktet mit seiner sympathischen Art, inmitten einer unverkrampften und agilen Band.

Optisches und stilistisches Kontrastprogramm bieten im Anschluss Arya. Schwarz geschminkte Augen bei den Herren, Sängerin Christina Sprenger im roten Corsagenkleid, Kunstnebel und pathetischer Synthieteppich bieten die komplett ironiefreie Grundlage ihres Gothic-Metals im Stile von Nightwish oder Evanescence. Songs heißen folgerichtig „Warrior“, „Mighty Dragon“ und „Begier“, wenn die Gitarre martialisch dunkle Akkorde wuchtet und das Burgfräulein ihren Durst nach Blut stillen möchte. Die theatralische Performance wirkt stimmig, aber das Publikum zeigt sich zwiegespalten. Stärkeres Feedback bekommen Funny Love Painful aus Neumünster: Tobias Schmidt (Gesang), Michael Klose (Gitarre), Ron Müller (Bass) und Stefan Gill (Drums) ordnen ihren Alternative Rock zwischen New Model Army und Social Distortion ein. Sehr passend, schimmern doch die frühen 90er Jahre durch die schnörkellosen Arrangements des unprätentiösen Quartetts. Sehr gut eingespielt, sticht vor allem der leidenschaftliche Saitenarbeiter Klose hervor.

Noch etwas weiter in die Vergangenheit greifen Corporate-ID. Es scheint für Martin Simon, Lars Plagmann und Peter Schwarzkopf ausgeschlossen zu sein, ihren rustikalen Classic Rock mit dem Hier und Heute abzugleichen. Sämtliche Klischees von Hair Metal werden zelebriert, wenn sich der Gesang in die Höhe schraubt, Bass und Gitarre synchron geschwungen und Schlagzeugfelle malträtiert werden. Zudem leert sich der Raum vor der Bühne. Verständlich: Nach mehreren Stunden Dauerbeschallung brauchen die Zuschauer eine kurze Frischluftpause vor der Wahl-Entscheidung. Doch es gibt bereits erste Prognosen: „Klar, wir wollen schon nach Hamburg, aber ich glaube, dass Männerurlaub und Funny Love Painful das Rennen machen werden“, prophezeit Arya-Schlagzeuger Haakon Voß den Ausgang. Er sollte Recht behalten.

Als letzte Band sprechen Paint noch einmal das Tanzbein an und wirken in ihrem Set geradezu aufgedreht. Wie die frühen Red Hot Chili Peppers pumpt der Funk-Rock mit deutschen Texten durch den Saal, live noch verstärkt durch ein quirliges Saxofon. Die Lübecker zeigen sich musikalisch versiert, aber es reicht nicht, um die Stimmen des Publikums für sich zu gewinnen. Per Strichliste wird an der Kasse das eindeutige Ergebnis abgezählt und anschließend mit allen Beteiligten auf der Bühne bekannt gegeben. Vielfach wird die harmonische Atmosphäre im Backstage-Bereich betont. Konkurrenzdenken sei fehl am Platz, meint auch Arya-Gittarist Olaf Thiermer: „Musik ist doch kein Wettbewerb“. Ein schönes Zitat, das für sich spricht.