Emmy Moll hüllten das Publikum im Prinz Willy in langsame, sanfte Lieder

Knospende Klänge

 

Kiel - Verhallende Schritte aus der Konserve dienen als Taktgeber. Elegante Akkordwendungen an Tasten und Gitarre füllen daraufhin den harmonischen Raum, in dem Sängerin Nadja Rüdebusch am Mikrofon auf Samtpfoten an den Hörer heran schleicht. Bei Emmy Moll scheinen Musik und Lebenszeit in Zeitlupe zu verrinnen. Sie geben ein Gefühl von Langsam, ein Gefühl von Leise.

"Time Lapse Photography" heißt der beschriebene Song, der im Prinz Willy charakteristisch für das Konzert der Hamburger Band steht. Und es sind viele zum krankheitsbedingten Nachholtermin gekommen, denn es gab, gibt und wird immer Menschen geben, die gerne dem Geräusch fallender Herbstblätter lauschen. Das Problem bei der Beschreibung solcher Musik: Die Formulierungen haben den steten Drang, ins Betuliche, Blumige, Bilderreiche abzudriften. Fantastisches spielt dann eine gewichtige Rolle, Elfen werden herbei zitiert oder skandinavische Weiten vor den geistigen Horizont gerückt. Alles nur, weil diese zerbrechlichen, feingliedrigen und vor allem klugen Lieder so schwer zu fassen sind.

Sie stammen zumeist vom aktuellen Debütalbum "All The Monsters Are Small And Soft And Scared". In Sachen Stille, Besinnung und Introspektion existieren nur wenige Platten, die mit dermaßen bestimmter Sanftheit auftrumpfen. Dabei sind die Songs voll instrumentiert und arrangiert, auf die Bühne gebracht von Rüdebusch (Akustikgitarre, Keyboard und Glockenspiel), Ingo Hassenstein (E-Gitarre, Backgroundgesang), Anna Sander (Bass, Backgroundgesang, Glockenspiel) und Christopher Klemme (Schlagzeug).

"Drifted" oder "Seagulls" erklingen nicht nur langsam, sondern auch leise, teilweise sehr leise. Die Drums leisten dezente rhythmische Führungsarbeit, Saiten und Tasten sorgen für zarte Klangknospen, dazu verharrt der ausgebildete Gesang bewusst auf einem feinen Flüsterton. So wirkt die Sängerin wie ein freundlicher Geist, eine sanfte Begleiterin, die in den A-cappella-Passagen mit dem Moment kurz vor totaler Stille jongliert. Im Stehen würden nach einer gewissen Zeit die Füße kribbeln, aber in den Polsterstühlen bei Willy im Wohnzimmer? Wunderbar.

Zwei Songs entstanden im Februar auf Fehmarn, als Nadja Rüdebusch wegen einer Krankheit länger auf der Insel bleiben und das Kieler Konzert ausfallen lassen musste. Im "Fehmarn-Song II" bedient Hassenstein sowohl Mandoline als auch Basspedal, erweitert die karge Instrumentierung. Sinnbildlich für Emmy Moll: "Tortoise", zudem noch in der Unplugged-Version. Rüdebusch überlegt im Songtext, wie es sich wohl als Schildkröte lebte, wenn man so niedlich sei wegen der Schwerfälligkeit. Na klar, eine Schildkröte. Leise ist an diesem Abend das neue Laut, Langsam das neue Schnell.

KN-Online