Genre-Chamäleon Erik Truffaz kommt ins Kieler KulturForum

„Für mich ist Miles Davis der Picasso des Jazz“

Kiel - Spielte dieser Mann nicht ausgerechnet Trompete, so wäre die Frage sicher gerechtfertigt, ob man ihn denn überhaupt jemals zu den Jazzmusikern hätte rechnen dürfen. Denn die viele Genres überspannende Musik von Erik Truffaz weist ebenso starke Einflüsse aus dem Rock-, Electro- und Avantgardebereich auf. Die aktuelle 3-EP-Box "Rendez-Vous (Paris-Benares-Mexico)" ist tönender Beweis dieser Abenteuerlust.

Erik Truffaz wirkt wie ein ewig Suchender, der sich bisher mit jedem Album neuen Herausforderungen gestellt hat. Die Sorge, sich einmal wiederholen zu müssen, treibt den Trompeter und Komponisten beharrlich von Projekt zu Projekt. Jazz, wie man ihn gemeinhin kennt, ist dabei nur Ausgangspunkt und Grundlage.

Drum'n'Bass, Poetry, Hip-Hop, arabische Folklore oder progressiver Rock gehören zu den musikalischen Neuerungen, die Truffaz in sein Songwriting einfließen lässt. So entzieht er sich einer konkreten Festlegung auf einen Stil, bleibt offen für alle Grenzbereiche und überlässt den Mitmusikern jegliche Freiheiten. Nicht von ungefähr gilt das Genre-Chamäleon als einer der umtriebigsten und progressivsten Vertreter der europäischen Jazz-Szene.

Der 48-jährige Franzose, in der Schweiz geboren, wird bisweilen sogar zum Thronfolger von Miles Davis auserkoren. Unverblümt verleiht Erik Truffaz seiner Bewunderung für den wohl größten Trompeter der Jazz-Geschichte Ausdruck: „Für mich ist Miles Davis der Picasso des Jazz“. Eine Schnittstelle besteht zumindest in der Aufnahmen für das gleiche, traditionsreiche Label Blue Note: Davis zu Beginn der 50er, Truffaz seit 1996.

Die Konfrontation mit neuen Einflüssen, Umständen und Persönlichkeiten befruchtet maßgeblich Truffaz' Schaffen. Auf der EP-Sammlung "Rendez-Vous" hat er dieses Prinzip als Mittel zum Zweck erklärt und drei Musiker an verschiedenen Orten zum künstlerischen Austausch eingeladen.

In den Songs von "Paris", einer Duo-Aufnahme mit dem Vokalartisten Sly Johnson, tasten sich die beiden gefühl- und fantasievoll durch ein Programm von Fremdkompositionen (Beatles' "Come Together", Brian Ferrys "Don't Stop") über Standards (" Nature Boy") bis zu Selbstgeschriebenem. "Benares" dokumentiert das Aufeinandertreffen von US-amerikanischer Jazz-Tradition mit der Improvisationskultur des indischen Subkontinents in Benares und Kalkutta. Piano (Gastpianist Malcom Braff), Tablas (Apurba Mukherjee), Stimme (Indrani Mukherjee) und Trompete erzeugen in diesem Abschnitt - bedingt durch den ideologischen Kontrast - die stärkste musikalische Reibung.

Das abschließende Rendezvous mit dem mexikanischen Electro-Produzenten Murcof vereint Tanzflächendialoge zwischen Murcofs Beats und Truffaz' schmiegsamen Tonketten. Sämtliche Songs atmen kreative Freiheit und die Erfahrung der Akteure, mit verschiedensten Stilen zu jonglieren. Auf Tour wird Erik Truffaz von der „Human Beat Box“ Sly Johnson begleitet, der schon als Mitglied der Saïan Supa Crew sowie als musikalischer Partner des französischen Shooting Stars Camille von sich reden machte.

KN-Online