Das volle Farbspektrum


Jazztrio Ernstblau mit Gastsaxofonist Gabriel Coburger im Luna

Um in der Farbmetaphorik des Bandnamens zu bleiben: Allein das zurückhaltende Auftreten der vier Musiker zu Beginn und während der sparsamen Ansagen könnte als "ernstblau" interpretiert werden. Zur Beschreibung des Konzerts hätte das Farbspektrum mit jeglichen Schattierungen wohl gerade ausgereicht, so furios und begeisternd spielte das Trio mit Gastsaxofonist Gabriel Coburger im gut gefüllten Luna.

Das gemeinsame Jazz-Studium in Hamburg ist die Urzelle von Ernstblau: Die gebürtige Kielerin Sandra Hempel an der Gitarre, Kontrabassist Robert Doehring und Schlagzeuger Wolff Reichert haben sich als Ausnahmemusiker an ihren Instrumenten gefunden, um dem Publikum ihre Sicht von zeitgenössischem Trio-Jazz zu vermitteln. Hempel, die mittlerweile den Großteil des Jahres in New York lebt, stellte den Typ der introvertierten Virtuosin dar. Wenig Performance, dafür umso mehr Klangschätze, die sie mit gesenktem Kopf aus den Saiten zog. Schier unzählige Tonkombinationen in der akkordisch gehaltenen Begleitung, bei den Soli ungebremst in den faszinierenden Läufen. Schon die Standards I Fall In Love Too Easily oder All Or Nothing At All zeigten das Potenzial der Musiker, doch gerade bei den Eigenkompositionen wie Calypso mischte sich rasantes Tempo mit Spielwitz bei allem unüberhörbaren Können – Jubel und Szenenapplaus waren die Folge.

Das Fundament der Songs lag bei der Rhythmusfraktion: Am Bass erzielte Robert Doehring seine prägnante Wirkung durch feinfühlige Präzision, während Wolff Reichert den begnadeten Künstler an der Schießbude auslebte. Der Hausdrummer des Hamburger Birdland nutzte sämtliches Schlagwerk, um mit herrlich entrückter Mimik den Charakter der swingenden Songs zu erweitern. Nach dem letzten Auftritt im Birdland wurde Gabriel Coburger kurzerhand mit ins Team gerufen – völlig zu Recht. Mal mit weichem und sehnsüchtigem Ton, dann wieder mit dreckiger Note wirkte der Tenorsaxofonist alles andere als ein Fremdkörper. Der Höhepunkt dann kurz nach der Pause: What If aus der Feder von Sandra Hempel. Im Verlauf ein geniales Duett von Gitarre und Saxofon, auf der Grenze zwischen Improvisation und Arrangement, zwischen federleicht und schwer verkopft – Gänsehaut pur! Ernstblau schenkten fast zweieinhalb Stunden anspruchsvolle Unterhaltung. In einem Konzert, das in Erinnerung bleiben wird.

Henrik Drüner

 

Kieler Nachrichten vom 10.01.2003