3. Festival Son Cuba riss in der Halle400 das Publikum von den Sitzen


Irgendwann kam der Zeitpunkt, als es kein Halten mehr gab. Die ordentlich bestuhlten Reihen waren größtenteils verwaist, die manchmal so fröstelige Stimmung in der Halle400 verwandelte sich in eine ausgelassenen Tanzparty zu mitreißender kubanischer Beschallung.

Wenn beim Festival Son Cuba afrokubanische Rhythmik auf spanische Liedtradition, jung auf alt und Tradition auf Moderne trifft, dann sind die besten Voraussetzungen geschaffen, um den kubanischen Son – das Sinnbild für karibische Leichtigkeit – auch in Kiel hautnah spüren zu können. Zu Beginn ging es "back to the roots": Carlos Manuel Céspedes, allein mit seiner halbakustischen Gitarre, sang als Troubadour inbrünstig seine sehnsuchtsvollen Balladen. Das wunderbar weiche Timbre weckte den Wunsch, die poetischen Worte zu verstehen, mitzuverfolgen, was er über die Schönheit der Landschaft und die Leidenschaft der Liebe berichtet. Doch trotz der Sprachbarriere kam die Botschaft an – bei geschlossenen Augen. Wesentlich perkussiver folgten im Anschluss Rumba & Batá. In weiße Gewänder gehüllt, kombinierte das Trio spirituelle Gesänge mit dem repetitiven Schlagen der Batá-Trommeln und vertonte exotische Rhythmen wie Yambú, Colombia oder Guaguancó.

Bei Proposisón aus Santiago de Cuba ging das Festival dann in seine heiße Phase über. Zum ersten Mal kam Bandfeeling auf, während Sänger Antonio Gonzales das zahlreiche Publikum zu Klatschübungen animierte. Dutzende Tanzpaare bevölkerten nun die freien Flächen, schwoften zu den Klängen, die seit dem Buena Vista Social Club vielen so vertraut erscheinen. Ergebnis: zwischen Ausdruckstanz und erfolgreich absolviertem Kursus. Proposisón begeisterten mit mehrstimmigem Gesang, Kontrabass, Maracas und der Prise authentischen Charmes, der diese unwiderstehliche Mischung ausmacht. Das gleiche Bild bei Sonora Universal: Beeinflusst vom Orchesterstil der 50er Jahre, experimentierte das neunköpfige Ensemble mit vielfältigen Rhythmusvariationen, bei denen besonders die beiden Trompeten durch enorme Klangfülle (und Lautstärke) auffielen. Im Publikum setzte derweil Gruppendynamik mit synchroner Choreographie ein. Denn diese Musik will getanzt werden.

Zum Abschluss betrat die 79-jährige Caridad Hierrezuelo hüftwackelnd die Bühne: Die Diva des Son strahlte – trotz eines Schnupfens – Grandezza aus, vollendete mit virtuoser Altstimme den ausgelassenen Reigen. Frenetischer Szeneapplaus brandete auf, als sie scheinbar mühelos einen nicht enden wollenden Ton hielt. Nach drei Liedern bereits die Session mit allen beteiligten Musikern, Guantanamera in voller Besetzung und zumindest einer Gewissheit: Das 3. Festival Son Cuba war ein voller Erfolg! Von Henrik Drüner


Aus den Kieler Nachrichten vom 23.09.2003