„Fußball vs. Countrymusik“ – Lesung und Konzert mit Gerd Dembowski

Der Präsident der deutschen Fußballfans

 

Kiel – „Die Faszination am Fußball ist für mich noch immer, dass er bei allem Masochismus der Fans auch Momente hervorbringt, die einem eine Idee davon geben, was Utopie sein könnte.“ Solche Sätze haut Gerd Dembowski raus, ohne mit der Wimper zu zucken. Und beweist pünktlich zum Bundesliga-Saisonfinale, warum eine der schönsten Nebensachen der Welt immer noch wichtig ist.

Bei der Lesung im Subrosa vereint der 36-jährige Soziologe zwei Stimmen in seiner Brust: Zum einen die des leidenschaftlichen Fans, der ausführlich die Entstehung seines ersten Tores in der Jugendmannschaft von Schwarz-Weiss Röllinghausen beschreibt, der regelmäßig von Duisburg aus nach Hamburg fuhr, um seine Freundin und vor allem die St.-Pauli-Heimspiele sehen zu können; zum anderen die des akademischen Autors („Tatort Stadion. Rassismus, Antisemitismus und Sexismus im Fußball“), der seine Doktorarbeit zum Thema Fußball und Diskriminierung schreibt und sich als Sprecher von BAFF (Bündnis Aktiver Fußballfans) engagierte.

Der Titel des aktuellen Buches „Fußball vs. Countrymusik“ ist im Grunde irreführend, da beide Bereiche nicht gegeneinander ausgespielt werden. In den Texten geht es vielmehr um die Möglichkeit von Freiheit und Widerstand, auf der Suche nach progressiven Ansätzen, die oft satirisch zu einem alternativen Diskurs verwebt werden.

Und was Dembowski alles erlebt hat: 2001 findet er sich inmitten des verschwenderischen Luxus eines FIFA-Kongresses in Buenos Aires wieder, um einen achtminütigen Vortrag über Rassismus im deutschen Fußball zu halten. Dort trifft er auf verschiedenste Funktionäre aus aller Welt und deren mitunter groteskes Verhalten auf Hotelzimmern, wird vom damaligen FIFA-Oberhaupt Joseph Blatter sogar zum „Präsidenten der deutschen Fußballfans“ erklärt. Oder das nächtliche, überaus witzige Fake-Interview mit Torwart-Titan Olli Kahn, das er und Kolumnist Fritz Tietz an den „Stern“ verkauften, bis nach neun Tagen die Antwort kam: „Wir zweifeln die Echtheit dieses Interviews an!“ In pathetischen Bildern erzählt er von einer USA-Reise, der Lebensrettung durch einen Veganer-Bagel, und warum er lieber einem Regenbogen hinterjagen möchte als Geld, Zukunft und domestizierte Sicherheit als seinen Lebensinhalt anzuerkennen.

Zur Untermalung streut Gerd Dembowski kurz angerissene Songs von Hank Williams („You’re Barking Up the Wrong Tree Now“) oder Johnny Cash („I Walk The Line“) ein, unterstützt von einem Arsenal an Plastikspielzeug zum Krachmachen und emphatischem Gesang, teilweise geschrieen wie in einem englischen Stadion. Am Ende noch ein harsches Pamphlet gegen Gunter Gabriel, „den singenden Stammtisch“, und unfreiwillig komische Zitate von Lothar „Lodda“ Matthäus. Wie sagte Rudolf Edlinger, Präsident von Rapid Wien und ehemaliger Arbeitgeber: „Wir haben Lothar Matthäus intellektuell überschätzt."

KN-Online