Guildo Horn & Die Orthopädischen Strümpfe feiern Weihnachten

 

Kiel – Guildo Horn macht uns Hoffnung. Er sei einer von uns, „ein Mensch aus Fleisch und Blut“. Dabei verkörpert er so viel Überirdisches: Schlaghose, Sprungwunder, Stimmungskanone. Mit seiner Band, den Orthopädischen Strümpfen, zelebriert Guildo in der Traum GmbH eine Weihnachtsfeier der besonderen Art. Besinnlich ist anders.

Die schnöden Zahlen: 5 Mann auf der Bühne, die aussehen wie die Heiligen Könige frisch von der Schlagerparade, 3 rote Mützen im Publikum, 24 Euro Eintritt an der Abendkasse, 1 kolossale Gaudi für die große Mehrheit. Im Vorfeld plärren perfide Versionen von Weihnachtsliedern aus den Boxen, anschließend drehen Guildo & Co. den Spieß um. Ein Song-Potpourri aus mehreren Jahrzehnten der Rock- und Popgeschichte, in den Texten gänzlich auf das Fest der Liebe ausgerichtet, gibt die Richtung vor.

So wird „Major Tom (Völlig losgelöst)“ zu „Endlich Weihnachtszeit auf der Erde“, „My Sharona“ zu „Weiße Weihnacht“, „Video Kills The Radio Star“ zu „Freu mich wie wild, das Christkind ist da“, „YMCA“ zu „Es weihnachtet sehr“, „Ring of Fire“ zu „Weihnachtsfeier“, „We are the Champions“ zu „Heiße Maronen”. Und so weiter und so fort. Guildo spricht blasphemisch von christlichem Liedgut („Jesus wäre stolz auf uns“), aber Adventszeit ist Adventszeit.

Dass dieses Konzept – Coverband mit Kostümzwang und monothematischen Texten – nicht zur Farce gerät, liegt an mehreren Faktoren. Zum einen haben Guildo Horn & Die Orthopädischen Strümpfe schon während des Schlager-Revivals in den Neunzigern Radiohits verwurstet. Man erinnere sich an „Ich mag Steffi Graf“, im Original „How Deep Is Your Love“ von den Bee Gees, oder Joan Jetts „I Love Rock’n’Roll“, das in „Ich find Schlager toll“ umgedichtet wurde.

Die Strümpfe namens August Schrader (Gitarre), Petra Pogo (Bass), Gisela Ginster (Drums) und Addi Mollig (Keyboard) wissen zudem genau, wie sie mit ihren Instrumenten umzugehen haben. Zum anderen ist da Sänger, Schauspieler, Talkmaster und Entertainer Guildo mit zotteliger Onisola-Frisur (oben nichts, sonst lang), der in seiner Rolle als Weihnachtsbotschafter und Retter der Zärtlichkeit vollkommen aufgeht. Der 45-Jährige, bürgerlich Horst Köhler, mimt den deutschen Elvis Presley, lässt stilecht im Blumenanzug sein Pelvis vorschnellen. Wiederholt kommt der Siegersprung mit Faust in der Luft, dann ein Tänzchen oder das Angebot an Zuschauer: „Du darfst mich jetzt küssen!“

Ohnehin mutiert das Publikum zur ausgelassenen Rasselbande und bringt seinem Meister kultige Verehrung entgegen. Zwischenrufe, Schnaps, man liegt sich in den Armen. Viel muss darüber hinaus nicht geleistet werden. Symptomatisch die Ansage: „Jetzt seid ihr dran – der Text geht: Tralala“. Ein umjubelter Schlager-Block mit „17 Jahr, blondes Haar“, „Moskau“, „Wunder gibt es immer wieder“ oder „Er gehört zu mir“ (herrlich ironisch: Kuhglocken imitieren die Gesangsmelodie von Marianne Rosenberg) schließt das Adventssingen, nicht ohne Guildos Beitrag zum Grand Prix d’Eurovision, „Guildo hat euch lieb“, auszulassen. Mehr als nur ein Songtitel.

KN-Online