Guts Pie Earshot versetzen ihre Zuhörer in der Pumpe in Trance

Wenn Konventionen in die Luft fliegen


Kiel - Das hehre Ziel von Guts Pie Earshot bestand schon immer darin, aus bestehenden musikalischen Normen auszubrechen - ohne dabei zur intellektuellen Konstruktion zu verkommen. In der Pumpe demonstrierte das Duo eindrucksvoll die Sprengung sämtlicher Konventionen mit seiner Mischung aus Breakbeats, verzerrtem Cello und roher Energie.

Ursprünglich aus der Punkszene stammend, waren Guts Pie Earshot so etwas wie das gute Gewissen der Szene. Nämlich nicht nur politisch korrekt, sondern auch musikalisch progressiv. Eine Punkband mit Cello. 1991 als Flowerhouse in Köln gegründet, nannte man sich zwei Jahre später in Guts Pie Earshot um. Seit 2004 ist die Band ganz minimalistisch mit Cellist Patrick „Rizio“ Cybinski und Schlagzeuger „Scheng“ unterwegs. Im kleinen Saal der Pumpe spielen sie sich und die entzückten, teilweise entrückten Zuschauer in Trance. Es geht um freie Improvisation und Soundtrack-Attacken, Jazzmathematik und atmosphärische Klangcollagen.

Rizio entlockt dem Cello wehklagende Melodien, die aus einem schattigen Hinterhof in Istanbul herüberwehen könnten. Diese Figuren setzt er in Schleife, bis alles abrupt in Metal-Brachialität umschlägt, um in orchestrale Passagen mit faszinierenden Klangfarben zu münden. So werden Spannungsbögen ausgereizt, stilistische Bandbreite ins Extrem getrieben. Am Schlagzeug entwickelt Scheng Züge einer Mensch-Maschine angesichts der verblüffenden Präzision, an der es Beachy Head gemangelt hatte.

Die Vorband wirkt schon fast zu kapriziös, um sich wirklich in Elmshorn gefunden zu haben. Die fünf jungen Musiker behaupten von sich, überhaupt keine Musik zu machen. Es klingt „very british“ und nach zeitgenössischem Wave-Punk, während Frontmann Stefan Zollner dank zweisprachiger Erziehung und schnoddriger Bühnen-Allüren eine verblüffende Reife vorgaukelt.

Bei Guts Pie Earshot existiert kein Songaufbau im herkömmlichen Sinne. Stattdessen leben die zehnminütigen Rhythmus-Epen von dem Gegensatzpaar, das aus eingängig-tanzbaren Grooves und Hardcore-Geknüppel entsteht. Songtitel? Geschenkt. Angesagt wird "If I" von der 2006 erschienenen Doppel-CD "Chapter Two - Volume One", mit dem Scheng das Publikum dazu ermutigt, weiterhin Widerstand zu leisten. Von Anfang an gehörte es zu ihrem Markenzeichen, durch bewusste Unterlassungen die Musik an die Grenzen des Machbaren zu bringen. Eben Punk ohne Gitarre, Drum'n'Bass ohne Bass oder Techno ohne Technik. Wie gut, dass es noch solche Formen des musikalischen Nonkonformismus gibt.

KN-Online