H-Blockx: Gewaltiger Satz aus der Grube

Kiel – Anfang diesen Jahres standen H-Blockx vor zwei Möglichkeiten: Aufhören oder Jetzt-erst-recht. Die Fangemeinde war zerstreut, die Plattenfirma skeptisch, der frühere Crossover-Sound beliebt wie Fußpilz. Aber die Münsteraner wollten es noch einmal wissen, nahmen das neue Album „Open Letter To A Friend“ mit schnörkellosen Rock-Songs auf und zeigten im MAX, dass auch nach 17 Jahren noch mit H-Blockx gerechnet werden kann.

Es mögen 600 Ü/U-30-Vertreter sein, die ihre Vergangenheit bejubeln oder aber einer Band die Chance geben, sich mit einem neu eingeschlagenen Weg zu rehabilitieren. Viele erklärten ihre musikalische Sozialisation ab einem gewissen Alter für beendet und halten bis dato Bands wie Pearl Jam, Red Hot Chili Peppers oder eben H-Blockx die Treue – allein des Namens und der damit verbundenen Assoziationen wegen. Der Mix aus melodischen Strophen, wuchtigen Refrains und wütendem Rap-Gebell von Sänger Henning Wehland, mit dem das Debüt Time To Move die Charts stürmte, steht der Band nicht mehr gut zu Gesicht.

Deutlich wird der gequälte Wiederbelebungsversuch bei den frühen Hit-Singles "Move", "I Got The Power" mit Samples aus der Konserve oder "Risin' High" und dessen lyrischen Ergüssen wie „It's a loffer poffer Ding Dong, bigger than King Kong“, noch dazu verstärkt durchs Megaphon. Die Meute tobt zwar, als sei es 1993; aber das Bühnengebaren wirkt wie eine vorgegaukelte Show ohne ein gesundes Maß an Glaubwürdigkeit.

Auch die Vorband Kain aus Berlin bedient sich an Vergangenem. Deren Platte "Leben im Schrank" könnte als „Bastard“, so auch ein Songtitel, aus Selig und Soundgarden umschrieben werden. Deutschsprachiger Grunge-Rock, der in ruhigen Momenten ("Überfliegerpilot") auch mal die Brust nach der Emo-Pumpe abklopft, geprägt durch die beiden Sänger und Gitarristen Lino und Nico.

Bezeichnenderweise betreten Wehland, Tim Tenambergen (Gitarre), Steffen Wilmking (Drums) und Stephan „Gudze“ Hinz (Bass) zu den Klängen von Carpenters "Yesterday Once More" die Bühne. Wehland trägt während der 90 Minuten Hut, darunter ein kleines Zöpfchen, das ihn wie eine Münsteraner Variante von Kid Rock aussehen lässt. Auch er perfektioniert die Rockstarposen, die gereckte Faust in der Luft, zementiert zu einer griechischen Statue der Männlichkeit. Für ihn existiert nur hassen oder lieben, dazwischen wird keine Grauzone angeboten: "I Don't Want You To Like Me". Angesichts des kollektiven Wohlwollens im Publikum raunzt er ins Mikro: „Leute, reißt die Hütte ab! Ich hab das Gefühl, dass heute was ganz besonderes passiert…“ Wehland hat es raus, Pathos und Dramatik im Übermaß zu säen wie sonst nur Fußball-Kommentatoren.

Neben der Cover-Version von Rick Springfields "Celebrate Youth" zeugt "Leave Me Alone" vom emanzipierten Stil, hin zu geradlinigen Rocksongs; oder auch "Countdown To Insanity", jener Song, von dem die Band ihre Zukunft abhängig machte: Die Musiker boten an, einen Großteil der Marketing-Kosten zu übernehmen, falls das Video im Internet nicht mindestens 100000 Klicks bekommt oder die Single die Top Ten entert. Die Plattenfirma willigte ein, H-Blockx konnten sich auf ihre Fans verlassen. Die gründen anlässlich des Schmuse-Rockers "Little Girl" den „KRC“ („Kieler Rock Chor“) und schwelgen in Erinnerungen. Guano Apes oder Dog Eat Dog sind Geschichte, Clawfinger müffeln bereits streng – und H-Blockx machen einen gewaltigen Satz aus der Grube.

--------------------------------------------------------------------------------
Im Internet finden Sie diese Meldung unter der URL:
http://www.kn-online.de/artikel/2251033