„Abschiet“: Hagen las in der Hansa48


Kiel – Hagen hat eine Mix-CD mitgebracht. Die Songs, die vor, zwischen und nach seiner Lesung zu hören sind, sollen die Worte unterstreichen und als eine Art Soundtrack funktionieren. So katalysiert beispielsweise Enough Is Enough von Chumbawamba die Wut und den Kampfeswillen gegen Faschismus, Rassismus und Verblendung.

In der Hansa48 liest der Wahl-Schweizer, Jahrgang 1965, aus dem Roman „Abschiet“ sowie Kurzgeschichten, die der neu erschienene Band „Als der Kellner schoss“ bündelt. Hagen wirkt nervös. Es ist für ihn ein Rückblick auf vergangene Tage, auch in Kiel, wo er viele Jahre lebte. The Levellers vertonten mit „Leave This Town“ seinen Aufbruch, doch mittlerweile vermisst Hagen deutsche Mohnkugeln und hadert mit der proto-deutschen Mentalität in der Schweiz. Integration sei auch für ihn ein langer Weg. Er blickt zurück, im Wissen, dass es viele Stapel Bücher braucht, um Barrikaden zu bauen.

Mit ungeschönten Worten bietet er punktuelle Einblicke in die Misere am Arbeitsmarkt, vor allem für ausländische Arbeitnehmer: 6:30 Uhr Treffen an der Tankstelle vor der Autobahn, Maloche unterhalb jeglicher Tarifbestimmungen, unbegründete Kündigung, Arbeitsgericht, keine Chance auf Gerechtigkeit. Nicht von ungefähr verzweifeln die Protagonisten aus Hagens Mund: „Morgen heißt nicht der nächste Tage, sondern das erste Kapitel einer Utopie.“ Der Bezug zu Albert Camus liegt bei seinen Texten zum einen in der Spiegelung von Sinn und Unsinn der Menschheit, die auch „Der Fremde“ thematisiert, zum anderen in Camus’ Ausspruch, dass die Würde des Schriftstellerberufs im Widerstand gegen die Unterdrückung liege.

Oft sind es skizzenhafte Satzkonstrukte, die Hagen aneinanderreiht. Im Stile eines Mosaiks formen sie die Geschichten aus dem täglichen Sterben. Geschrieben von einem Autor, der verschiedene Stile nutzt - zum Leidwesen des Lektors, aber zur Unterhaltung für die Zuhörer, mit Einbußen durch den etwas unsicheren Vortrag.

„Abschiet“ erörtert die Frage, wie man sein Leben gestalten würde, wenn man nur noch kurze Zeit zur Verfügung hätte. In diesen Momenten treten pubertäre (Männer-)Fantasien zutage, teilweise lüstern im Ton, wenn Hagen aus der Sicht eines Voyeurs erzählt. Andere Geschichten fokussieren Autoaggression bis hin zur Selbstverstümmelung: Erst werden die Fingernägel, dann Finger und ganze Hände abgetrennt, beschrieben in plastisch schmerzenden Worten. Harmloser da schon der Untergang Sylts im Sturm, wenn es heißt. „Deichbruch in Westerland, Höhe Strandstraße“. Und immer wieder Musik als Quelle: Danielle Dax, Siouxsie & The Banshees oder Dead Kennedys „Nazipunks Fuck Off“.


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