Im Rausch der Tiefen


Das Nordlicht unter den International Deejay Gigolos: DJ Herman Schwartz


Wuchtig pumpende Bässe durchziehen das gesamte Gebäude und lassen es in seinen Grundfesten erschüttern. Die wirkungsvolle und dezent in schwarz hergerichtete Dekoration scheint wie geschaffen für den Protagonisten dieser Nacht: Torben aka Herman Schwartz, "the most underrated DJ" von Kiel. Als nördlichstes Mitglied der International Deejay Gigolos – das renommierte Musiklabel um Mastermind DJ Hell aus München – sieht sich Herman Schwartz nicht als Vertreter einer Spaß-Kultur.

Er möchte auch depressive Stimmungen in seine Musik integrieren, denn "wir leben nicht im Garten Eden, und da sollte man ehrlich mit umgehen". Statt einer oberflächlichen Herangehensweise solle gute Laune dadurch entstehen, dass man sich nicht immer mit positiven Dingen auseinandersetzt, aber letztendlich trotzdem wieder positivistischen Perspektiven finde. Zu Beginn des geschmackvollen Sets fällt es jedoch schwer, die theoretischen Gedanken im Vorfeld auf die ausgewählten Platten zu übertragen.

Hedonistisches Vergnügen bestimmt das Geschehen, Jubelrufe von der Tanzfläche signalisieren das Erreichen des nächsthöheren Partylevels. Verzerrte Sprachsamples unterbrechen für kurze Momente das Beatgewitter, das für den Laien stupide und monoton klingen mag. Der Kenner unterscheidet derweil zwischen Classic Disco, Electro Breakdance und Detroit Techno, vermag aber die Abgrenzungen nicht zu ziehen. Deutlich wird die Stilvielfalt, die Herman Schwartz an Platten auflegt, obwohl diese nur einem Bruchteil seiner Privatsammlung entsprechen. Im Rausch der Tiefen – verhüllt vom Kunstnebel – wird jeder Tänzer zu einem anonymen Individuum, auf der Suche nach den pränatalen Beats im Mutterleib. Die gute Laune werden die meisten gefunden haben. Henrik Drüner

 

Kieler Nachrichten vom 06.02.2002