Beim HipHop-Workshop in der Kunsthalle dominierte der Spaß an der Sache


Breakdance in der Kunsthalle? Im Vorfeld eine kuriose Vorstellung. Doch HipHop, bestehend aus den Komponenten Rap, Graffiti und eben Breakdance bedeutet mehr: Von den Anfängen in den frühen 70ern und dem damaligen Tanzstil bis zur erkorenen Kunstform ging HipHop einen weiten Weg und stellt für viele ein Accessoire des Lebens dar – passend zur aktuellen Ausstellungsthematik. Der Berliner Raphael Hillebrand, Meister seines Faches, will die 22 meist blutigen Anfänger in diese Welt einführen. Die Welt des gelebten und Fleisch gewordenen Rhythmus.

Eine bunte Truppe ist zusammen gekommen, vom Nachwuchs-HipHopper und der sportlichen Studentin bis zur interessierten Hausfrau. Unbarmherzlich schallt das "5, 6, 7, 8" des Leiters durch den kargen Raum. Zu den Old School-Beats aus der Konserve werden Schritt- und Sprungkombinationen eingeübt. "Das ist ja viel anstrengender als eine Stunde Joggen", stöhnt Lolita. Doch Raphael Hillebrand ist geduldig: Beim 21-Jährigen sieht alles so einfach aus, so beneidenswert locker. Doch wer sich zum ersten Mal an Up-Rocks, Top-Rocks und Six-step versucht, merkt anschließend am eigenen Körper ganz deutlich, was er geleistet hat.

Vor der Praxis kommt noch ein kurzer Theorieteil: Begriffe wie 4/4 Takt, B-Boying und Schritt auf Akzent werden erläutert und am Beispiel eines Videoclips mit koreanischen B-Boys dingfest gemacht. Rick (12) aus Kiel sieht sich schon als Fortgeschrittener: "Die Grundschritte kann ich alle schon!" Doch auch er, der seit knapp zwei Jahren in der Tanzschule Tessmann trainiert, müsste eigentlich noch an der Technik feilen. Stattdessen verzieht er sich lieber an die Seite und mogelt sich durch die Übungen.

Szenenapplaus bekommt dagegen der gleichaltrige Daniel Gaspert, der mit seinem Vater Andrey am Workshop teilnimmt und mit tollem Körpergefühl schnelle Fortschritte macht.

Bei anderen schwindet die anfängliche Euphorie proportional zum geflossenen Schweiß. Erst der Sprung, oder doch der Schritt in die Mitte? Die Pause kommt ganz gelegen. Ein wenig erinnert die Szenerie an die momentan grassierenden Superstar-Akademien, mit all den Emotionen und Drill. Ein feiner Unterschied: Hier bleibt der Spaß an der Sache erhalten, hier gibt es Gelächter, nachdem die Synchronisation im heillosen Chaos endet. Außerdem kommt es beim Breakdance nicht darauf an, was man macht, sondern wie man es macht. Eine sehr sympathische Einstellung. Von Henrik Drüner


Aus den Kieler Nachrichten vom 20.10.2003