Rock gesellte sich erst spät hinzu


Hongkong Stunt Team in der Schaubude



Wie schön wäre es, wenn alle globalen Konflikte so enden würden wie in James Bond-Filmen. Das Gute triumphiert, James hat endlich Zeit für sein Bondgirl, und alles wirkt so harmonisch und im Grunde reibungslos. Doch das ist fiktives Kino, während in Bagdad die ersten Raketen einschlagen. Da konnte selbst das Kieler Hongkong Stunt Team, inspiriert von Tomorrow Never Dies, beim Auftritt in der Schaubude nichts mehr ausrichten.

Mit Blue Train von John Coltrane legte das Quintett stilgerecht los, denn ein Großteil des Programms setzte sich aus Jazzklassikern und unbekannterem Material des Real Book zusammen. Zu Beginn noch etwas zögerlich und zurückhaltend, deuteten Jan-Hinrich Haacke (Trompete) und Andreas Bahr (Saxofon) aber schon an, wohin eine Steigerung führen würde. Dirk Lorenz Matthiesen (Schlagzeug) und Bassist Philip Moschke legten das satte Rhythmusfundament, auf dem sich die Bläser und Sebastian von Rabenau am E-Piano melodisch ausbreiten konnten. Fünf junge Gesichter, teils mit jahrelanger Erfahrung in der Kieler Jazzszene, in dieser Besetzung jedoch erst zum zweiten Mal auf der Bühne. Dementsprechend gut war die Resonanz sowohl von Interessierten als auch Freunden – ein wirklich dankbares Publikum. Song für Song wurde den Legenden Herbie Hancock, Miles Davis, Joe Henderson oder Wayne Shorter Tribut gezollt. Erwähnenswert der Groove von Butterfly mit knarzigem Funk-Sound des Pianos, der swingende Walking Bass bei Four, das frische Arrangement von Pfrancing oder das Basssolo bei Recordame.

Nach der Pause ein ähnliches Programm, aber in wesentlich gelösterer Stimmung. Mit Bier und Zigarette spielte es sich verwegener. Brav dagegen die fachkundigen Ansagen zu jedem Stück – mangels Mikro bekamen jedoch nur die Wenigsten davon etwas mit. Lee Morgan's Sidewinder sowie ein Balladen-Duo brachte Haacke und Bahr immer besser in Einklang, während Eighty-One von Miles Davis zu experimentellen Ausbrüchen führte. Jetzt kamen auch die im Vorfeld angekündigtenrockigen Elemente zum Zuge. Besonders Moschke schien der Initiator zu sein, entlockte dem Bass verzerrte Gitarrensounds. Wenn das Hongkong Stunt Team diesen Weg weitergeht, indem es Mut zu gewagten Bearbeitungen zeigt, wird es noch eher dem Aufmerksamkeit erregenden Bandnamen gerecht. Henrik Drüner

 

Kieler Nachrichten vom 22.03.2003