"Hurricane"-Festival in Scheeßel

Abwechslungsreiches Programm bei abwechslungsreichem Wetter

 

Was in aller Welt habe ich dort verloren? Diese Frage sollte ich mir in den Tagen des Festivals genau zweimal stellen. Die Nachrichtensprecherin hatte gerade die Wetteraussichten für das Wochenende verlesen: windiges, kühles Schauerwetter, 16°. Also beste Bedingungen, um mit Freunden, Zelt und Dosenbier rund 60 Stunden mit 40.000 Gleichgesinnten im Dreck und überfüllten Dixi-Toiletten zu feiern. Frage, erster Teil.

Die Verantwortlichen des Hurricane-Festivals, das seit diesem Jahr parallel zum Southside am Bodensee läuft (Bandtausch Samstag - Sonntag), konnten nach dem großen Erfolg 1999 auch diesmal ein interessantes Billing auf die Beine stellen, das für alle musikalischen Geschmäcker etwas zu bieten hatte. Die kurzfristige Absage des seltenen Festival-Gastes Jamiroquai schmerzte zwar ein wenig, war aber nun einmal nicht zu ändern... Der Samstag startete nach komplett durchregneter und stürmischer Nacht mit leicht zögerlicher Begeisterung seitens der Zuschauer, bis gegen Mittag Eat No Fish erste Fans mobilisieren konnten. Mir kam bei den Einbeckern eher der Gedanke eines scheinbaren Guano Apes-Plagiats: sympathisch-extrovertierte Frontfrau als Mittelpunkt und eindeutiger Pluspunkt nebst durchschnittlicher Band und mittelmäßigen Songs. Aber dank Sängerin gut anzusehen (und natürlich anzuhören). Später ging es mit Fu Manchu, Giant Sand und Therapy? sowohl auf der Hauptbühne als auch auf der Zeltbühne rockig und größtenteils überzeugend weiter, bis die Headliner des Samstags anstanden.

Viele kamen jetzt vom Shoppen aus der Non-Food-Area, vom Bungee-Jumping, aus dem Chillout-Zelt oder schlicht vom Mittagsschlaf auf einem der zahllosen Campingplätze. Da sich nun auch die Sonne blicken ließ und die Promillewerte stiegen, hatte die Stimmung mittlerweile Festivalcharakter. Die Cranberries spielten gekonnt, aber unspektakulär ihren Anarcho-Pop-Stiefel runter, während HIM entgegen meiner anfänglichen Skepsis eine ansprechende Live-Band ist. Sänger Ville Valo verstand es wirklich, mit seiner androgynen Performance und Stimme die Zuschauer in seinen Bann zu ziehen.

Auch Live und Nine Inch Nails mit Trent Reznor sollen Berichten zufolge am späten Abend anständig gerockt haben. Zu der Zeit kam ich jedoch gerade im Krankenhaus von Zeven (20 km von Scheeßel) wieder zu Sinnen. Frage, zweiter Teil. Nur soviel dazu: Es ist ein verdammt harter Job!! Pünktlich zu den ersten Bands am Sonntag traf ich wieder auf dem Festivalgelände ein. Leider erlaubte die aufgeschlitzte und verbundene Hand kein Bad in der Menge, aber es gab auch so einen tollen Festivaltag mit sämtlichen Musikgenres. Zudem blieben die 40.000 vom Regen verschont, der ständig aus den tiefgrauen Wolken drohte.

Positiv überrascht war ich von Laika, die - eher unbekannt- auf der Zeltbühne ein famoses Konzert ablieferten. Eine wahnsinnig groovige Rhythm Section (drums, bass) mit verspielten Orgel/Keyboard-Motiven und einer faszinierenden Sängerin. Durch die äußerliche Begrenzung des Zeltes wirkte alles eher wie in einem Club, was für den Sound und die Musik sehr von Vorteil war. Gleiches konnte man von Element Of Crime leider nicht behaupten. Ihre deutschen und durchgehend tiefsinnigen Texte verhallten von der Hauptbühne weitgehend ungehört auf dem riesigen Areal, die zu hoch ausgesteuerte Trompete dagegen schmerzte fast im Ohr.

Am Nachmittag zeigte sich Henry Rollins (und Band) von seiner gewohnten Seite: mit tätowiertem und durchtrainiertem Oberkörper sprang der Hobby-Schriftsteller barfüßig über die Bühne und schrie sich die Seele aus dem Leib. Totales Engagement und Vollgas vom ersten bis zum letzten Takt! Phänomenal, wenn man ihn im Vergleich dazu vor dem Auftritt backstage in Zivil antrifft. Macy Gray dagegen konnte gar nicht auf der Bühne herumlaufen, hatte sie doch eine Begleitband in Fußballmannschaftsstärke mitgebracht. So tummelten sich neben einem DJ und diversen Backgroundsängerinnen selbst einige Bläser auf der Hauptbühne, um dem poppigen Südstaaten-Soul ein würdiges Format zu verleihen. Dabei durfte selbstverständlich die Hitsingle "I Try" der Frau aus Ohio mit der markant rauchigen Stimme nicht fehlen.

Weitaus tanzbarer verlief das Konzert von Moby, der dank seines letzten Albums "Play" nun zu Headliner-Zeiten sein Bestes geben durfte. Der kreative Tausendsassa Richard Hall sprühte nur so vor Energie, und das mit Spaßfaktor 10. Die Bigbeat-lastigen Songs leitete er mit abrupt abgebrochenen Speedmetal-, Metallica- und Led Zeppelin-Riffs ein und verbreitete auch in seinen Ansagen eine sehr positive Stimmung. So etwas war nach einem langem Wochenende der Berieselung sehr wohltuend!

Die größte Fanbasis und wohl auch die meisten bekannten Hits aller beteiligten Bands konnten jedoch Skunk Anansie für sich beanspruchen. Die englische Formation um Sängerin Skin ließ stellenweise die Refrains der Lieder ausschließlich von den begeisterten Anhängern singen. Wie so oft ist der Sänger/die Sängerin einer Band ausschlaggebend für den Erfolg: die gesamte Bandbreite vom zärtlichen Säuseln zur Akustikgitarre bis hin zum shoutenden Ungetüm umfaßte das Repertoire der kahlköpfigen Schönen. Ein würdiger Abschluß für mich, so daß ich mir den späten Auftritt von Bush ersparen konnte. Ein insgesamt rundum gelungenes Festival, mit verbesserter Organisation und freundlichen Ordnern, das nur unter dem meist bescheidenen Wetter litt. Die erste Frage ist also beantwortet, die zweite leider immer noch nicht.
Henrik Drüner