Hurricane-Festival in Scheeßel mit erstklassiger Bilanz


Wer nach sieben Konzerttagen der Kieler Woche noch nicht an musikalischer Überreizung litt oder von der Qualität des Programms enttäuscht war, bekam am Wochenende die Chance für einen großen Nachschlag: das Hurricane-Festival. Zum achten Mal bot der Eichenring in Scheeßel – zwischen Hamburg, Bremen und Hannover gelegen – an drei Tagen ein dicht geschnürtes Open-Air-Paket mit 80 hochkarätigen Bands, Künstlern und interessanten Newcomern auf zwei Bühnen.

Nachdem die Zeltbühne in den letzten Jahren dem Ansturm nicht mehr gewachsen war, überzeugte das Konzept einer Second Stage, die nun Besucher- und Soundkollisionen verhinderte. Für den Großteil der 40000 Zuschauer hieß es: Mit Zelt und Proviant auf die umliegenden Campingplätze, Alltag draußen lassen und stattdessen die ganz spezielle Festival-Atmosphäre aufsaugen. Und, im Gegensatz zu den Kieler Wasserspielen blieb es die ganze Zeit über trocken und sonnig.

David Bowie entpuppte sich als erstes Highlight des Hurricane 2004: Das Chamäleon der Popmusik streifte sämtliche Facetten seiner stilistischen Vergangenheit. Songtitel wie Changes, Ashes To Ashes, Under Pressure oder The Man Who Sold The World standen stellvertretend für drei Jahrzehnte und die Wandlungsfähigkeit des Briten. Bowie gab sich gelöst, genoss den herzlichen Empfang und spielte – umgeben von einer exzellenten Band – mit dem Publikum. Anschließend führte das französische Duo Air mit Kuschel-Elektronik in die erste Nacht. Ein Sammelsurium an Tasteninstrumenten und reduzierte Live-Beats machten den schwebend leichten Sound aus – passend dazu Seifenblasen in der Luft.

Der Sonnabend brachte Gitarrenrock jeglicher Couleur, von ruhigen Songwritern (Wilco, Bright Eyes) über die Testosteronrocker von Danko Jones und Monster Magnet bis hin zum kanadischen Punk Billy Talent. Der mediale Wirbel um Franz Ferdinands Debütalbum ist durchaus berechtigt: Auch live zeigte sich das Glasgower Quintett mit dem irritierenden Namen als spielfreudige Einheit, die in tanzbaren Rhythmen und britischem Rock eine erfrischende Kombination gefunden hat. Dagegen konnten The Cure nicht ganz überzeugen: Trotz vieler Hits und schöner Arrangements von Fascination Street oder Pictures Of You versandete das Programm etwas im Midtempo. Frontmann Robert Smith zeigte sich mit kargen Ansagen gewohnt unnahbar und schaffte es nicht, mit den neuen Songs auch den Ersthörer zu erreichen.

Am Schlusstag dann Einsatz für die HipHop-Fraktion: Als Unterstützung für Die Fantastischen Vier als Headliner gaben sich Fünf Sterne Deluxe, Beginner und Cypress Hill die Mikros in die Hand und begeisterten mit ihrem jeweils eigenen Sound und Songrepertoire. Gentleman & The Far East Band bescherten allen Rockgesättigten mit Jamaica-Reggae strahlende Gesichter und positive Vibrationen im Sonnenschein. Diese Stimmung nutzen die Fantas Smudo, Thomas D. und Michi Beck in weißem Outfit, um das Hurricane-Festival würdig abzuschließen. Die vielköpfige Backingband sorgte für authentischen Sound, während die Jungs ihre Wortsalven von Tag Am Meer, Was geht, Populär, MfG bis hin zur aktuellen Single Troy zum Besten gaben.

Auf dem Rückweg durchzuckten Blitze den Himmel, der erst jetzt seine Schleusen öffnete. Gutes Timing, tolles Festival. Von Henrik Drüner

nordClick/Kieler Nachrichten vom 29.06.2004 01:00

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