Ich + Ich in der ausverkauften Halle400

Aus den Seelen gesprochen


Kiel - Man stelle sich als Unbeteiligter folgende Szenerie vor: Knapp 2000 Menschen aller Altersklassen, die sonst höchstens unter der Dusche oder im Auto ihre vernachlässigten Singstimmen erheben, intonieren in aller Öffentlichkeit und aus voller Kehle "Wir alle sind aus Sternenstaub, in unseren Augen warmer Glanz/Wir sind noch immer nicht zerbrochen, wir sind ganz". Keine groteske Fantasie, sondern blanke Realität in der ausverkauften Halle 400. Ich + Ich machen es möglich.

Wenn das so weiter geht, dringen Annette Humpe und Adel Tawil mit ihrem aktuellen Studioalbum hierzulande in die Reichweite von Michael Jacksons Album "Thriller" vor. Im Juni 2007 erschienen, stieg "Vom selben Stern" paradoxerweise erst nach 50 Wochen in den deutschen Album-Charts an die Spitze und hält sich weiterhin standhaft in den oberen Regionen. Ein Hörernerv wurde getroffen. Dank einer fragilen Balance aus nachdenklichen Balladen und lupenreinen Pop-Hymnen, dank vertrauensseliger und unkonkreter Texte, die Generationen überschreitend eine sprachliche und emotionale Befindlichkeit abdecken und identifikationsstiftend wirken.

Als Vorband sorgen My Excellence aus Wien eine halbe Stunde für englischsprachige Rock-Pop-Kurzweil, mit Sänger Richie Ulmer, der in Zirkusdirektor-Montur über die Bühne turnt. Da beschwert sich niemand, auch nicht, als sie Platz machen für den Hauptact. Der große Schuhkarton Halle400 gelangt an seine Kapazitätsgrenze, im Kontrast dazu der Sauerstoffgehalt in der müden Luft an seine Minimalsättigung. Doch als Adel Tawils dunkles Timbre erklingt, injiziert es der Mehrheit neuen Lebenssaft.

Unterstützt von einer siebenköpfigen Band mit gemischtem Backgroundgesang und doppelt besetzter Gitarre, die überaus solide nach hinten absichern und am Ende von "Wie konnte das passieren" ein rares Saiteninferno fabrizieren, spielen sich Ich + Ich durch ihre zwei bisherigen Alben. Die beiden Protagonisten lernten sich 2002 zufällig in einem Berliner Tonstudio kennen, als Tawil bei einer Auftragsproduktion einen Humpe-Text vertonte und die Autorin über die sonore Stimme stolperte. Einige im Publikum hatten sicherlich auch die Ideal-Mitbegründerin auf der Bühne erwartet, doch sie leidet unter Lampenfieber und zieht es vor, der Jugend den Vortritt zu lassen.

So fehlen Songs wie "Geht's dir schon besser?" im Set, aber es bleiben ja noch "Fenster" mit Sprechgesang und rockigem Refrain, "Stark" mit A-cappella-Part, der obligatorische Abschluss "Brücke" mit Violinenbegleitung und selbstredend der Hit "Vom selben Stern", bei dem alle zeigen wollen, dass sie den Text auswendig gelernt haben. Auch bei "So soll es sein" und "Du erinnerst mich an Liebe" geht es einträchtig Wort für Wort. Tawil, 30-jähriger Sohn arabischer Einwanderer, animiert in schwarzem Hemd, Jeans und Skater-Schuhen die Masse und punktet mit der Lokalkolorit-Anekdote, im Sommer seinen Surfschein in Brasilien gemacht zu haben. Und dann noch in Kalifornien gewohnt - verrückt! Tragisch-schön dagegen die Liebesgeschichte "Wenn ich tot bin", bei der Kiel für drei, vier Minuten schier den Atem anhält.

So wandeln Ich + Ich ständig auf dem schmalen Grat zwischen Melancholie und Lebensphilosophie, zwischen 2raumwohnung und den zahlreichen Söhnen Mannheims, wenn Adel Tawil in "Dienen" raspelt: "Du wirst irgendwann jemandem dienen/Jemand, der weiser ist und stärker als du". Mit Verlaub: Für viele Fans wird es ein ganz besonderes Konzert gewesen sein, für die Band wohl eher eines von vielen auf der Tour.


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