Ingo Appelt auf der „Unser Norden“-Bühne - Jenseits des Verfallsdatums

 

Kiel – „Wie soll ein Mann denn jetzt sein: Macho oder Weichei? Am liebsten wäre den Frauen wohl die perfekte Mischung. Aber das ergäbe Matsch-Ei – und das klingt doch schon komisch, oder?“ Ingo Appelt ist wieder in seinem Element. Als einer der wenigen nichtmusikalischen Acts auf den großen Kieler-Woche-Bühnen reitet der 41-Jährige Comedian auf der immergrünen „Mann versus Frau“-Problematik herum. Und selbst aus diesem Verb würde er bereits den nächsten Kalauer zaubern.

Im Grunde gleicht es dem Konzept von Kollege Mario Barth. Nur mit dem Unterschied, dass Barth mittlerweile das Olympiastadion füllt, während Appelt als Moderator von zweitklassigen Shows auf dem Spartenkanal Comedy Central dümpelt. Doch wenn er fragt: „Deutschland, wer soll dich retten?“, dann soll es Appelt sein, der Ingo. Für den Pionier der deutschen StandUp-Comedy ’ne Kleinigkeit. Zumindest besingt er den Fans vor der „Unser Norden“-Bühne zu Beginn diese Hoffnung, ohne allerdings besonders gut singen zu können. Aber darauf kommt es beim Programm nicht an. In weiße Schale geschmissen, das Hemd in zartem Grün, die berühmte Teufelchenfrisur mittlerweile passé, suhlt sich Appelt in sämtlichen Fettnäpfchen und Wortspielereien, bricht direkt und respektlos vermeintliche und tatsächliche Tabus, um sie anschließend zu relativieren, falls er den Bogen überspannt hat: „Entschuldigung, aber ihr wisst ja, was ich meine“.

Appelt weilt wieder in Kiel, „am Arsch der Welt“. Teilweise bietet er eine wortgenaue Kopie der 2005er Tour, mit entsprechend veraltetem Material (Helmut Kohl, der „deutsche Gammelfleischskandal“) oder wiedergekäuten Themen, etwa Eva Herman, „eine Glatze, gefangen im Körper einer Blondine“, oder Edmund Stoiber, „gekillt von der Porno-Pauli“, der wie viele Männer hoffentlich den endgültigen, meisterhaften Abgang („Mach uns den Möllemann!“) zelebriert. Die ersten 20…30…45 Minuten vergehen ohne Pause, Punkt und Komma. Wasserfall-Comedy, von der Tour de France zum Epilieren bei Männern, von der Formel 1 („Niki Lauda hat noch für seinen Job gebrannt“) über Klimakatastrophen in Richtung Homosexualität bei der Bundeswehr und zurück.

Eine besondere Freundin von ihm: 'Angie' Merkel, „diese Erschreckerin aus der Geisterbahn“. Der Bundeskanzlerin schreibt Appelt den Bildausfall im Halbfinalspiel der Deutschen zu, weil man schlicht und ergreifend Angst gehabt hätte, sie zu oft auf dem Bildschirm sehen zu müssen („Wenn man sie auf den Kopf stellt, sieht es aus, als würde sie lächeln“). Nach einer Dreiviertelstunde wechselt der Rastlose ans Klavier, parodiert geschickt Udo Jürgens, Herbie und Scharping, verwurstet Prince’„Purple Rain“ in „Scheiße drauf“. Gegen Ende dieses Parforceritts verflachen Niveau und Stimmung, als er dem eigenen Geschlecht, oder präziser, Gemächt ein Liebeslied widmet. Doch obwohl sich Ingo Appelt weiterhin als Sexsymbol („26 Prozent der deutschen Frauen wollen mit mir ins Bett, 54 Prozent sagen: 'Och nö, nicht schon wieder!'“) sieht, möchte er in seinem tiefsten Innern nur geliebt werden.