Ivy Mellin im Prinz Willy

Die Sprachenschüttlerin

 

Kiel – Von dem weiter expandierenden Zweig der Singer/Songwriter singen einige Vertreter auf Deutsch, andere auf Englisch. Wiederum andere kombinieren in ihrem Repertoire sowohl englische als auch deutsche Titel. Ivy Mellins Spezialität: Sie wechselt im Prinz Willy zwischen den Sprachen von Strophe zu Strophe, in Refrains teilweise von Zeile zu Zeile. So trifft bei der Hannoveranerin, die vor einigen Tagen nach Hildesheim gezogen ist, „I want to love“ auf „Ich wär so gern zweisam“. Zuerst befremdlich, stellt sich mit Dauer des Konzerts eine gewisse Vertrautheit mit den prompten Übersetzungen ein.

Barfuß betritt die 21-Jährige die Bühne des Prinz Willy, das an diesem Abend an seine Kapazitätsgrenze gelangt, wirft ihr Herz ins Publikum und wartet auf den Bumerangeffekt. Ihre anfängliche Unsicherheit in den Ansagen steigert sich zu fragwürdigen Angeboten ans Publikum, Fragen jedweder Art stellen zu können. Das möchte keiner. Also dreht Mellin den Spieß um, schlendert mit Mikro durch die ersten Reihen und befragt gezwungen Freiwillige nach dem Grund des Kommens.

Die FolkPop-Songs ihrer EP „Shine And Shadows“ punkten durch die klangschöne Stimme, die sich manches Mal in kieksige Höhen verirrt. Beherzt und angenehm arglos setzt Mellin ihre sanften Melodiebögen, wenn sie berichtet, was sie mit unendlich viel Geld machen würde („If I Got The Money“), oder was hinter der nächsten Ecke auf uns wartet („The Other Side of the Rainbow“). Das unterstützende Gitarrenspiel, entweder gezupft oder geschlagen, ist nicht virtuos. Aber es bewirkt eine heimelige Atmosphäre, in der selbst Textkleister wie „ein letztes Mal berührt der Wind deine Haut und dann sagen wir auf Wiedersehen“ seine pathetische Note rechtfertigt.

In der Welt von Ivy Mellin spielt Herzenswärme ohnehin eine entscheidende Rolle. Immer powered by emotions, bisweilen poetisch. Da passt Hermann Hesses „Wer lieben kann, ist glücklich. Über die Liebe“, das sich die Musikerin tagsüber am Timmendorfer Strand gekauft hat, gar wunderbar. Mit den Worten „Hab da `n bisschen Bock drauf“, zitiert sie nach dem Zufallsprinzip aus der Ansammlung von Geschichten, Briefen und Gedichten zum immergrünen Thema.

„Hatte ich schon gesagt, dass ich großer Dylan-Fan bin?“ An ihrer Zimmerwand hat sich Mellin ein übergroßes Schwarzweißposter der Folk-Koryphäe gehängt, ein Konzertbesuch inspirierte sie beim Songwriting. Im letzten Lied wird die Verehrung besonders deutlich, als sie sich die Harp umschnallt und das sparsame Instrumentarium passabel erweitert. Doch vor allem bei den Songtexten sollte sich Ivy Mellin His Bobness als Vorbild nehmen.