And the winner is: Schrottfisch aus Berlin



Die Sekunden vor der Urteilsverkündung zogen sich wie Stunden hin. Alle Musiker, die am Finale des John Lennon Talent Award teilgenommen hatten, standen in trauter Einigkeit auf der Bühne. Wolfgang Bitter, Vorstandsvorsitzender des Hauptsponsors, betonte noch, dass alle Bands des Abends den Sieg verdient hätten, aber einer nun mal gewinnen müsse. Doch als seine Lippen anschließend den Namen "Schrottfisch" formten, herrschte ungläubiges Staunen. Fragezeichen im weiten Rund ob dieser Entscheidung, sowohl im Konfettiregen auf der Bühne als auch beim Publikum in der gut gefüllten Traum GmbH.

Zwei aus der Menge hatten diesen Tipp vorher abgegeben. "Vom musikalischen Standpunkt her würde ich es den Berlinern wünschen. Deren Texte waren richtig gut, auch wenn die Instrumente etwas monoton wirkten", prophezeite Michael Brodersen (53) aus Kiel. Auch VIVA-VJ Janin, die zusammen mit R.SH-Moderator André Dostal durch die Veranstaltung führte, sah Schrottfisch am Ende vorn: "Alle anderen Bands waren mir zu ähnlich, während die Jungs sehr eigenständig rüberkamen. Ich mag ja Mädchenmusik!"

Die selbsternannten Großstadt-Landeier von Schrottfisch punkteten sicher auch mit ihrem charismatischen Sänger und Gitarristen Ilja Schierbaum. Die leicht verkopften Geschichten rund um Liebe und Alltagsfiguren fanden einen kuscheligen Platz im Gitarrenpop von Schrottfisch, bei denen jedoch ein bandinternes Qualitätsgefälle nicht zu überhören war. Mit dem Preisgeld von 15000 Euro und einer neuen Gitarre probt es sich in Zukunft sicherlich noch leichter.

Bei einem Großteil des Publikums lagen 5vor12 in der Gunst vorne. Wohl auch dank des Fanclubs, der die Band in zwei Bussen nach Kiel begleitete, bei ruhigeren Songs Wunderkerzen zündete und somit für Heimspielstimmung sorgte. "Da hat alles gepasst! 5vor12 sind mein persönlicher Favorit, aber spielen wohl nicht richtungsweisend genug" mutmaßte Reiner Jochens, der Technische Leiter des JLTA. André Dostal sah im ordinären Rock der Frechener einen anderen Vorteil: "Als einzige Band sind die chartskompatibel. Das Lied Nach Hause ist stark – das habe ich ihnen auch schon gesagt!"

Positiv: Jede Band im Finale zeigte eine ausgefeilte Performance und überzeugte meist mit gutem Songwriting und großen Ambitionen: Discobeat und groovigen Pop der V-Männer aus Hamburg, tHaibnakkel mit rauem Crossover-Funk und dem Webcontestgewinner-Song Schluckt das oder die einzige englischsingende Band Entropy mit authentisch wütendem Alternative-Rock. Sie hatten alle ihre Fürsprecher mit plausiblen Argumenten. Nachwuchswettbewerbe wie der JLTA müssen die Oberhand gegenüber gecasteten Scheintalenten behalten – in zwei Jahren gibt es eine nächste Chance.


Aus den Kieler Nachrichten vom 03.11.2003