Jaga Jazzist

 

Auch bei erwiesenen Freigeistern kehrt von Zeit zu Zeit eine ordnende Hand ein. Jaga Jazzist, das neunköpfige Kollektiv aus Norwegen, ist anlässlich der Aufnahmen zu „One-Armed Bandit“ (Ninja Tune/Rough Trade) dazu übergegangen, beinahe das gesamte Notenmaterial im Vorfeld zu verschriftlichen. Mit Erfolg: Ihre Soundausformungen klingen opulent wie selten – und die individuell gepflegten Absurditäten sind erhalten geblieben.

„Jede Platte bei uns ist eine Reaktion auf die vorherige“, nennt Lars Horntveth gleich zu Beginn des Interviews die bandinterne Formel. Als Hauptsongschreiber von Jaga Jazzist, Arrangeur und Solokünstler ist er genau der richtige Ansprechpartner für diesen Themenbereich. „Diesmal wollten wir das Album von Anfang an konstruieren. Ich schätze, 95 Prozent sind notiert. Dementsprechend klein ist der Anteil an Improvisation, also das komplette Gegenteil zum Vorgänger ,What We Must´. Jeder musste sich hinsetzen und seine Noten lernen, so dass alle Parts bereits auf Bändern eingespielt und im Studio abgeschlossen waren, bevor der Mix begann. Durch diesen Schritt konnten wir komplexer arbeiten, und es boten sich mehr Möglichkeiten, einen bewusst neuen Weg einzuschlagen.“
In Betrieb genommen wurde das Kraftwerk aus schwadronierenden Bläsern, katzenartigem Jazz und subtil eingeflochtenen (Post)Rock-Elementen bereits 1994, aber erst 2003, als die BBC „A Livingroom Hush“ zum besten Jazzalbum des Jahres erklärte, stellte sich für Jaga Jazzist der kommerzielle Erfolg auch außerhalb Norwegens ein. Ihr Handwerk verstehen die aufgebotenen Multiinstrumentalisten seit jeher: Zwischen Xylophon und Kontrabass ist keine Gerätschaft vor intensivem Gebrauch gefeit – manch ein popmusikalisch Bewanderter fühlte sich gar an King Crimson erinnert.

Auf „One-Armed Bandit“ gehen die Referenzen noch stärker in die stilistische Breite: Neben einer zappaesken Grundstimmung bezieht sich „Toccata“ auf Steve Reich (Horntveth: „Obwohl er es wohl nie so gemacht hätte“), während der Titelsong eine Art Hommage an Saxofonist Fela Kuti darstellt. „Ich saß im Studio und hörte ein Stück von ihm. Danach wollte ich diesen Sound unbedingt als offensichtliche Grundidee für Jaga Jazzist nutzen.“ Während „What We Must“ völlig frei von Elektronik und programmierten Parts blieb, kommt nun wieder die Drum Machine zum Einsatz. Und die bislang eher sanften und coolen Bläser nehmen diesmal eine gehobene Stellung ein, agieren kraftvoll und dominant. So erstreckt sich durch die gesamte Platte ein weit reichendes, instrumentales Spektrum, bei der die melodische Führung von Song zu Song wechselt. Ein Pingpong von Themen, beispielhaft zwischen Bläsern und Gitarre im bereits erwähnten Titelsong.

Übergeordnet soll er mit den notorischen Arpeggios und Synthesizer-Einlagen das Konzept eines Spielautomaten nachempfinden. Oder vielmehr: Riesige Hallen, vollgestopft mit Daddelautomaten, wie sie die Jaga-Akteure vor einigen Wochen in Japan vorgefunden hatten. Horntveth klingt immer noch fasziniert und geschockt zugleich: „Ich war selten an einem heftigeren Ort.“ Darüber hinaus scheint Japan ein gutes Pflaster für die Band zu sein: ausverkaufte Konzerte in Tokio dank einer großen und enthusiastischen Fanbasis, obendrein im Vergleich mit Europa fantastische Plattenverkäufe.

Das Klischee einer scheuklappenfreien norwegischen Musikszene zwischen Jazz, Rock und Electronica bestätigt sich bei Jaga Jazzist aufs Exemplarischste. Eine besondere Beziehung besteht zu den Landsleuten von Motorpsycho, deren damaliger Produzent Helge „Deathprod“ Sten den ersten Kontakt herstellte. Der intensive Austausch über viele Jahre gipfelte 2003 in der gemeinsamen Veröffentlichung „In The Fishtank“. Es ist stets das gleiche Spiel im Interview: ein neuer Name, gleichbedeutend mit einer bestehenden Verbindung über höchstens zwei Ecken, die immer verzweigtere Pfade im norwegischen Projekt-Dschungel offen legt. So herrscht auch 2009 rege Kooperation: Jaga-Musiker Mathias Eick (Trompete, Bass, Keyboards, Vibrafon) half den Motorpsycho-Kollegen jüngst im Studio, Horntveth spielte bereits mit Drummer Kenneth Kapstad in einer anderen Band, und auch den Stammproduzenten wollten sich beide Gruppen teilen. Doch es kam ganz anders: Jørgen Træen erlitt einen Tinnitus, bei Jaga Jazzist nach drei Wochen, bei Motorpsycho am Tag des Soundchecks. Eine wahre Herausforderung für beide Bands, Ersatz für finden.

Jaga Jazzist gelang dabei mit John McEntire ein Glückstreffer. „Wir kannten uns von einem Auftritt in Oslo, und ich wusste, dass er bereits unsere Musik gehört hatte. Meine Presseagentin in Amerika gab mir seine Telefonnummer. Er war auch auf Anhieb interessiert, fragte als Einstieg lediglich nach den Rohfassungen der Lieder. Dieses Album ist weiter von seiner Band Tortoise entfernt – vor sechs Jahren hätte die Wahl etwas abgedroschen gewirkt, weil wir stilistisch zu nah beieinander lagen. Insofern war die Entscheidung, ihn jetzt als Produzenten zu nehmen, nicht nur eine Frage des Mixens, sondern auch die des Austauschs von Songwriting-Ideen.“ Eine dreiköpfige Gesandtschaft (Lars und Martin Horntveth sowie Andreas Mjøs) machte sich von Tonsburg bei Oslo auf den Weg nach Chicago und zeigte sich sehr zufrieden mit der Zusammenarbeit: „Es besteht ein vergleichbarer, sehr weit gefächerter Musikgeschmack. Das machte es leicht, Namen und Vergleiche im Studio fallen zu lassen, wenn der andere sofort wusste, was gemeint war.“

Angesichts der zahllosen anderen Projekte gilt es, Prioritäten zu setzen, um eine Tour organisiert zu bekommen. Doch dann sorgen Jaga Jazzist mit wahnwitziger Virtuosität, Variantenreichtum und dynamischen Spannungsbögen für exzellentes Entertainment – in jedem Fall bedeutend mehr als ein ordinärer Einarmiger Bandit.


Henrik Drüner