„Man muss alles miteinander ins Gleichgewicht bringen“ - Jan Garbarek im Interview

Kiel – Jan Garbarek, norwegischer Jazz-Saxofonist, gilt als einer der wichtigsten zeitgenössischen Jazzmusiker und als Wegweiser für die Entwicklung der skandinavischen Improvisationskultur der vergangenen drei Jahrzehnte. Neben den Jazzgrößen John Coltrane oder Dexter Gordon ließ sich der 60-Jährige vor allem auch durch die norwegische Folklore beeinflussen. Mit seinen weit ausladenden, selbst in hohen Lagen samtig weichen Linien verkörpert Garbarek eine sehr eigenständige Ausdrucksform zeitgenössischen Improvisierens, die mit Projekten wie „Officium“ in den späten 90ern bis in die Traditionsbildung der Renaissance- und Kirchenmusik hineinreichte.

Herr Garbarek, was verbinden Sie mit Kiel?
Vor allem den Hafen für die Fährverbindung nach Oslo. Früher bin ich die Strecke sehr oft gefahren – mit dem Auto dauert die Fahrt ja viel zu lange. Aber auch die zahlreichen Konzerte erinnere ich noch gut, egal ob in einer Kirche oder im Konzertsaal.

Werden Sie die bevorstehende Tour in der bewährten Besetzung mit Katché-Weber-Brüninghaus angehen?
Nein, leider ist Eberhard Weber (Bassist, Anm.d.Verf.) im Mai erkrankt, eine Art Schlaganfall. Er befindet sich in Rehabilitation und kann momentan noch nicht spielen. Insofern bin ich froh, Ersatz gefunden zu haben: Yuri Daniel, ein 41-jähriger, in Portugal lebender Brasilianer. Er wurde mir empfohlen. Zu Recht: ein exzellenter Musiker!

Hat sich Ihr Songwriting in all den Jahren verändert?
Schwierige Frage. Im Grunde nicht. Ich sitze da mit dem Ziel, etwas zu kreieren. Das mache ich solange, bis ein kleiner Pfad erscheint, dem ich folgen kann. Die so genannten Geistesblitze kommen bei mir während der Arbeit. Es ist nicht so, dass ich mitten in der Nacht aufwache und eine neue Sinfonie aus dem Ärmel schüttele.

Sieht man Sie morgens um acht Uhr am Schreibtisch sitzen?
Nein, ich bin absolut kein Frühaufsteher. Dafür arbeite ich abends meist sehr lange, oft bis ein, zwei Uhr. Das passiert auch nicht jeden Tag. Man muss alles miteinander ins Gleichgewicht bringen. In diesem Herbst beispielsweise werde ich etwa 85 Konzerte in vier Monaten spielen – da bleibt wenig Zeit, um an neuen Songs zu schreiben.

Ist die ambiente Atmosphäre Ihrer Songs mittlerweile ein Markenzeichen?
Ich bin der Ansicht, dass diese Zuschreibungen eher etwas über denjenigen selbst aussagen, gar nicht über die Musik an sich. Eine Form von Resonanz, für die man eher zugänglich ist. Ein Beispiel: Wenn jemand meine Stücke „verträumt“ empfindet, hat er oder sie vielleicht eine stärkere Tendenz zu Tagträumen, „melancholisch“ spräche aus einem Melancholiker, „majestätisch“ aus einem Anhänger fürs Grandiose. Es sind nur Wörter, die nur ein Element meiner Musik beschreiben. Musik ist mein Leben, insofern sind alle Emotionen in ihr enthalten.

Sind neue Projekte abzusehen?
Mein letztes Album ist schon etwas her, von daher würde diesbezüglich am ehesten etwas passieren. Wenn, dann erscheinen folgende Aufnahmen zumindest definitiv bei ECM (Münchener Jazz-Label, Anm.d.Verf.). Die Tradition pflege ich bereits seit 1970 – eine wirklich lange Zeit.

Und für beide Seiten ein guter Deal…
…ja, bestimmt. Ich kann mich sehr glücklich schätzen, einen so empathischen Produzenten wie Manfred Eicher an meiner Seite zu haben. Ich kann mehr oder weniger machen, was ich will. Sozusagen eine carte blanche! Sie vertrauen mir einfach, und das ist wohl die optimale Situation.

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