Jochen Distelmeyer auf Kampnagel

In Champagnerlaune und ein wenig messianisch

 

Hamburg – „Wohin mit dem Hass, den ich in mir spür“, ist die erste Zeile der Vorab-Single, gleichzeitig Eröffnungsstück des ersten großen Konzerts in der Post-Blumfeld-Ära von Jochen Distelmeyer. Mehr als zwei Jahre sind seit der Auflösung seiner wegweisenden Band vergangen, die mit ihm als Kopf, Sänger und Gitarrist Musikgeschichte geschrieben hat. Der Kreis von „Ich-Maschine“ bis „Verbotene Früchte“ war geschlossen und der Schöpfer bereit, neue Wege zu gehen.

Man hätte nicht zuletzt wegen dieser Leidenschaft für klare Ansagen erwarten können, dass Distelmeyer auf „Heavy“, seinem Ende des Monats erscheinenden Solo-Album, in guter alter Blumfeld-Manier gesellschaftskritisch textet. Die Zeiten sind schließlich so hart wie lange nicht. Zumindest das leicht Messianische ist ihm geblieben: „Gebt mir euren Hass und seht mir zu, wie ich ihn für euch verwandle. Wenn ich fertig bin, lass ich euch in Ruh, alleine mit eurem Hass.“ Doch Distelmeyer scheint ebenso mit sich im Reinen, untermauert durch das geradezu dialektisch anmutende Stück „Lass uns Liebe sein“.

Im vollbesetzten Saal auf Kampnagel erleben die Zuschauer halb stehend, halb sitzend, mannigfaltigen Erwachsenen-Pop aus der gesamten Diskographie des Hamburgers. Es sind immer die vertrauten, existentiell menschlichen Themen: Weiter machen, bei sich sein, lieben, aufstehen gegen Ungerechtigkeit. Distelmeyer nimmt uns an die Hand und gibt uns mit jedem seiner Lieder zu verstehen, dass wir gemeint sind. In den Texten steckt Poesie, aufrichtige Emotion. Und er ist regelrecht in Champagnerlaune, spuckt auf die ausladende Bühne, steckt sich brennende Zigaretten hinter die Saiten am Gitarrenkopf und feixt in den kurzen Ansagen. „Danke, das war heiß. Scharfer Ritt!“, entfährt es ihm nach dem freizügigen „Ich will mehr“, einem der neuen Songs.

Darüber hinaus gibt es zartbittere, berührende Balladen („Bleiben oder gehen”) oder auch Bombast-Rock mit Feedback-Gewitter („Hinter der Musik“). Es klingt immer nach Blumfeld. Dass vor allem diese Band im Grunde komplett durch ihren Sänger personifiziert wurde, verdeutlichte schon das Kleingedruckte im CD-Booklet. Komposition und Text: Jochen Distelmeyer. Auf der Bühne wird dieser bandinterne Zentralismus deutlich, wenn man das Gefühl hat, die distinguierten Begleitmusiker Benni Thiel (Drums), Henning Watkinson (Gitarre), Lars Precht (Bass) und Daniel Florei (Gitarre/Tasten) wären jederzeit austauschbar.

Lediglich Bassist Precht entstammt der Blumfeld-Besetzung und kennt am besten die Songs aus den frühen Neunzigern: „Ich - wie es wirklich war“ und „Eine eigene Geschichte“ von „L’Etat et moi“ oder „Viel zu früh und immer wieder, Liebeslieder“ von „Ich-Maschine“. Da spürt man das flammende Aufbegehren in Text und Musik, in späteren Stücken wie „Eintragung ins Nichts“ oder „Wir sind frei“ wird zumindest die musikalische Seite drastisch entschärft. Vielleicht bringt „Murmeln“ Distelmeyers neues Selbstverständnis auf den Punkt: „Ich bin am Ziel. Ich weiß, was ich will und brauche nicht viel. Ich bin da, wo die Kinder spielen, und über uns der Zeppelin. Am Ende ist es nur ein Song, und ich flieg’ davon. Zu dir.“