Joe Cocker - Zeremonienmeister des Coversongs


Kiel – „Ladies and gentlemen... the one and only... Mr. Joe Cocker!” Was soll man über ihn noch groß sagen? Er schreibt keine Songs, hat es nie versucht. Er spielt auch kein Instrument. Zumindest nicht real. Deshalb macht er das, was er kann wie kein anderer: Er singt. Ohne überflüssiges Beiwerk, ohne Anbiederung, ohne jeden inszenierten Firlefanz. Seine Show ist die Stimme, die er in jedem Song ausquetscht, als ginge es um sein Leben. Beim Summer Beach Festival in Eckernförde erlebten 10000 Fans den Open-Air-Auftritt der britischen Rocklegende direkt am Südstrand des 23000-Seelen-Städtchens.

Ein einmaliges Konzertambiente, wenn der Weg zur Bühne durch feinkörnigen Sand führt, begleitet vom beständig auflandig blasenden Wind und einer für Ostseeverhältnisse beachtlichen Brandung. Über die Vorbands kann niemand hier so recht etwas berichten, die Hauptsache ist eh der Auftritt des Mannes, der es seit über 35 Jahren schafft, ausgewählten Coverversionen seine ganz persönliche Note zu verleihen. Ein Song, ein Hüpfer zum Finale, so hoch, wie das ein dezent beleibter 63-Jähriger noch hinkriegt, bedächtigen Schrittes zurück ins Bühnendunkel, Griff zur Wasserflasche und wieder zurück ans Mikro. So verläuft das Abschlusskonzert einer zweimonatigen Europa-Tournee, unspektakulär und begeisternd zugleich.

Über Aretha Franklins "Chain Of Fools", die Striptease-Vorlage "You Can Leave Your Hat On" oder Soul-Klassiker wie "Unchain My Heart" von Ray Charles streift Cocker seine gesamte Diskographie, unterstützt von einer achtköpfigen Live-Band, die mit Hammond-Orgel (Mike Finnegan), Keyboard (Nick Milo), Bass (Oneta James), Gitarre (Gene Black), Schlagzeug (Jack Bruno), Saxofon (Norbert Simple) und doppeltem Background-Gesang (Nichelle Tillman und Kacee Clanton) für massiven Breitbandsound sorgt und vergleichbar mit einer Studioaufnahme die Klänge kristallklar über die Boxen schickt. So erinnern nur die Windverwehungen den Zuhörer daran, sich auf einem Open-Air-Konzert zu befinden – und auf einem der vielen Sandhügel, den man für sich und seinen Partner angehäuft hat, um einen besseren Blick auf die Bühne zu erhaschen.

Dort steht Cocker, ganz in Schwarz gekleidet, hält die Arme leicht von sich gestreckt, während die Hände wie ferngesteuert eine verkrampfte Haltung einnehmen. Er zuckt und schwitzt, rudert hektisch mit den Armen und quält das rauchige, vielleicht markanteste Organ der Szene bis in die legendären Urschreie. Das klingt jedes Mal, als wolle er sein Innerstes nach außen stülpen. Ein Erlebnis! Der Brite ist nie ein Entertainer gewesen und wird auf seine alten Tage wohl damit auch nicht mehr anfangen. Ebenso wenig sind Tanzeinlagen sein Stil. Er steht beinahe unbeweglich im Scheinwerferlicht der schlichten Bühnenshow und spricht erst nach knapp einer Stunde das Publikum direkt an: Ein herzliches, deutschsprachiges „Dankeschön!“. Und es sei immer wieder schön, in Deutschland zu sein, trotz des Wetters an diesem Abend.

Wunderkerzen illuminieren die Balladen You Are So Beautiful oder I Put A Spell On You, die Cocker derart interpretiert, als wären die Originale extra für ihn geschrieben worden. Sie alle tragen die typische, schleppende Schwere und die berstende Intensität wie beim Beatles-Song With A Little Help From My Friends in sich, jenes Stück, das ihm 1969 beim Woodstock Festival den internationalen Durchbruch verschaffte. Ein gedehntes Hammond-Intro, charismatisches Gitarren-Jaulen, und irgendwann kommt er: der Schrei! Und wie. Spontaner Szenenapplaus.

Auch wenn man die Songs schon tausendmal gehört hat, etwa "Summer In The City" von Lovin' Spoonful, lässt Cocker sie ganz neu entstehen und haucht ihnen neues Leben ein; einfach deshalb, weil keiner sie so singen kann wie der Mann mit dem Reibeisen in der Kehle. Nach einigen Zugaben beendet Cocker 100 Minuten Programm ohne Verschnaufpause. Der verächtliche Ruf des Hit-Recyclings prallt an dem unumstrittenen Zeremonienmeister des Coversongs ab. Joe Cocker ist musikalisches Urgestein.

 

Quelle im Internet:

http://www.kn-online.de/artikel/2206814