Perfekt inszenierte Pop-Schwermut

Kiel – Ein aktueller Eintrag im Internet-Gästebuch von Johannes Oerding sagt schon so viel aus. Über den Hamburger Sänger und Songschreiber, über seine Musik und auch über das Konzert auf dem Duckstein-Festival: „Superschöne Stimme, schöne Lieder und schöne Texte.“ Alles im Grunde superschön. Dabei packt Oerding auch Themen an, bei denen sich der berüchtigte Kloß im Hals nicht vermeiden lässt.

Bei Elvis hieß es 1956 "Heartbreak Hotel", bei Johannes Oerding 2008 "Hotel zur Einsamkeit". Im Frühjahr war er mehrere Wochen im tristen Wolfsburg quasi kaserniert, da kommen wohl solche Texte zustande: „Willkommen im Hotel zur Einsamkeit / Hier darf jeder wie er will traurig und nachdenklich sein / Niemand muss hier lachen, man genießt das Grau vom Tag / Jeder leidet hier so wie er mag“. Gebettet sind diese trübsinnigen Zeilen in den kuschelig weichen Klang der Band. Jeder Akkord sitzt akkurat, die einprägsamen Arrangements wirken wie am Reißbrett konstruiert.

Ein oft gewählter Songwriting-Kniff: Die Band setzt aus, nur Gesang und Akustikgitarre bleiben 16 Takte der Inbrunst zurück, bevor der Refrain in Komplettbesetzung erneut aufgenommen wird. Nicht ohne Grund absolvierte Oerding erfolgreich den Kontaktstudiengang „Popularmusik“ in Hamburg. In seinem Rücken bilden Tobias Held am Schlagzeug, Bassist Robin Engelhardt, Gitarrist Moritz Stahl und Keyboarder Kai Lindner aus Neumünster die Grundierung einer perfekt inszenierten Pop-Melancholie. Mit den entsprechenden Konsequenzen: Die Damen im Publikum sind gerührt, und die Herren sind es auch.

Bei Soulounge konnte Oerding, Jahrgang 1981, als Nachfolger von Roger Cicero schon seine vielfältige Stimme unter Beweis stellen. Bei seinen eigenen Songs brilliert sie mühelos im Falsett ("Lass mich allein"), darf auch ins Salbungsvolle tendieren ("Wenn es einen Gott gibt") und vergleichsweise ungezügelte Freiräume nutzen ("Lass mich los"). Manches Mal übertreibt es Oerding mit der Pathos-Kelle, wenn er die Stirn in Falten legt und bei "So tun als ob" mit geschlossenen Augen das zitternde Timbre ins weite Rund streut. In solchen Momenten trennt ihn wenig von Laith Al-Deen, und das ist nicht unbedingt ein Kompliment. Viel gesanglichen Schmelz erfährt das Programm durch das spontan von Produzent und Musiker Mark Smith in der Pause eingefädelte Duett seiner Tochter Joy mit dem einnehmenden Kollegen. Herzschmerz zu Klavierbegleitung – anscheinend genau ihr Metier.

Dabei können Johannes Oerding & Band auch regelrecht mitreißen, beispielsweise mit dem bereits im Vorfeld von Moderator Mick M. angekündigten Song "Die Tage werden anders sein", mit "Erste Wahl" über die Entscheidung, den Schritt zum professionellen Musiker zu wagen oder mit "Du willst es doch auch" übers Flirten und das, was sich daraus entwickeln kann. Hier jault Lindners Orgel auf, Engelhardt an der Gitarre darf zu einem veritablen Rock-Solo ansetzen und Schlagzeuger Held die Felle einer Belastungsprobe unterziehen. Sie steht ihnen gut, diese Ablenkung vom Leiden in Schönheit.

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